Ausstellungen

Warum das Gallery Weekend professioneller geworden ist

Seit zwölf Jahren gibt es das Gallery Weekend schon. Mittlerweile ist es professioneller und klassischer geworden – ein Rundgang.

Ziemlich quadratisch, hoffentlich wird ihr nicht schwindlig:  Eine junge Frau in der Rauminstallation des Schweizer Künstlers Philippe Decrauzat in der Galerie Mehdi Chouakri in Mitte

Ziemlich quadratisch, hoffentlich wird ihr nicht schwindlig: Eine junge Frau in der Rauminstallation des Schweizer Künstlers Philippe Decrauzat in der Galerie Mehdi Chouakri in Mitte

Foto: dpa Picture-Alliance / Britta Pedersen / picture alliance / dpa

Quietschorangefarbene Boxen mit schwarzen Streifen stapeln sich kreuz und quer vor dem Eingang der Jüdischen Mädchenschule. Tolle Farbtupfer hüpfen auf den grauen Treppenstufen. Eine dieser schrägen Installationen, mutmaßt eine Studentin. Was die junge Berlinerin nicht sieht, die Boxen sind Tüten. Vor kaum zwei Stunden noch gefüllt mit kleinen Werbegeschenken wie etwa einem veganen Make-up-Pinsel. Äh ja, jedenfalls sind sie nun leer, kunstvoll entsorgt. Die Trägerinnen dieser Tüten gehören zum ALC, Kurzform für den Art Lovers Club, ein Berliner Netzwerk nur für Frauen, die irgendetwas mit Kunst zu tun haben, ein bisschen Prominenz freilich ist herzlich willkommen. Jil Sander ist dabei, will sich lieber nicht fotografieren lassen.

Museumsleute treffen Künstler, Galeristen ihre Sammler

Der ALC bietet an diesem Gallery Weekend etliche Touren an, damit die Kunst-Damen und ihre Gäste wissen, wo es etwas zu entdecken gibt. Kuratoren wie Marius Babias oder Kunstprofessorin und Malerin Valerie Favre zeigen ihre Lieblingsorte: Galerien, private Sammlungen, Ateliers wie das der Meisterschülerin Helena Petersen in Neukölln. Mit ihnen lernt man, Kunst zu mögen.

Genauso wie bei Chris Dercon. Noch leitet der designierte Chef der Volksbühne die Tate in London. Weil er Fotostar Wolfgang Tillmans so mag, führt er halt kurz durch dessen große Ausstellung in der Fasanenstraße bei Buchholz. Schließlich soll Tillmans nächstes Jahr auch in London seine Studio-Bilder zeigen. So läuft das in Berlin beim Gallery Weekend, Museumsleute treffen Künstler, Galeristen ihre Sammler, Agenten Kunstliebhaber, sprechen, trinken, feiern, da ein Opening, dort ein Artist Talk – und am Ende entsteht ein Kontakt, vielleicht ein Projekt, bestenfalls kaufen Sammler ein Werk.

Überall vor den Galerien sieht man Gruppen und Grüppchen miteinander sprechen. Das Klapprad erlebt gerade Renaissance, klein, flexibel lässt es sich noch in jeder vollgestopften Straße gut verstauen.

Gerade eben steigen die ALC-Damen die Treppen der Jüdischen Mädchenschule hinauf zu Toni Ungerer, der seine frivolen Collagen bei Michael Fuchs zeigt. Am Spätnachmittag geht es noch zwei Treppen höher. Dort führt Galerist Fuchs in seiner Wohnung durch seine Privatsammlung. Man weiß gar nicht, wo man sich setzen darf, am Ende stammt einer der Holzschemel noch von Ai Weiwei. Eigentlich ist hier alles Kunst, selbst der Teppich, der könnte von Andy Warhol sein. Ganz oben auf der Terrasse schauen wir auf die Synagoge, die mild in Sonne eingetaucht ist. "Das ist mal wieder Berlin...", sagt jemand, lässt sich noch einen Schluck Weißwein einschenken.

Das Schöne des Gallery Weekends ist, wir gelangen an Orte und Adressen, die man noch gar nicht kennt oder zumindest nicht auf seiner Agenda hat. Einer der Hotspots an diesen Tagen ist die Eröffnung des ehemaligen Tele-Bunkers am Halleschen Ufer, keiner kannte das Gebäude und den Sammler noch weniger.

Désiré Feuerle zeigt erstmals seine Privatsammlung asiatischer Skulpturen und imperialen Lackmöbel. Im Dunkel des Betonklotzes, exzellent beleuchtet, scheinen die Göttinnen zu schweben. Ein Spontan-Besuch war am Sonnabend und Sonntag nicht möglich – ausgebucht! Die Berliner können sich trösten, sie haben auch nach dem Kunst-Rummel Zeit, sich die Ausstellungen anzuschauen. Der Bunker allerdings ist vorerst nur noch die Woche geöffnet.

Der lukrativste Termin für die Berliner Galeristen im Jahr

Seit 12 Jahren gibt es das Gallery Weekend nun schon, 54 Galerien sind offiziell dabei, aber auch andere Galerien, Off-Spaces und Projekträume lassen ihre Türen auf. Mit den zeitgleichen Eröffnungen am Freitag plus den verlängerten Öffnungszeiten am Wochenende hat sich das Event gut eingespielt, immer weiter professionalisiert. Spricht man mit den Galeristen, so bestätigen sie, der Frühjahrstermin sei der lukrativste im Kunst-Kalender, im September gibt es noch die vom Senat geförderte Art Week, die weniger eingespielt ist.

Die Galerie Crone zeigt mit 888 Blättern einen Zyklus der Exerzitienmeisterin Hanne Darboven. Auf keiner Messe könnte er so ein museales Opus Magnum ausstellen, erzählt Markus Peichl, Leiter von Crone. Hier wird es auf vier Wänden zelebriert. Das Gallery Weekend sei der ideale Rahmen, es internationalen Ankaufskommissionen und Kuratoren vorzustellen. "Wie soll man jammern?", sagt Peichl. Hört sich an, als sei er zufrieden mit dem Gallery Weekend.

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