Musiktheater

Oper „Morgen und Abend“: Man muss sich darauf einlassen

Die Deutsche Oper zeigt Georg Haas’ Oper „Morgen und Abend“. Da rutscht mancher Zuschauer auf dem Stuhl herum.

Alles schon vorbei: Johannes (Christoph Pohl, M.) kommt als Sterbender auf die Bühne.der Welt, sein Freund Peter (Will Hartmann) ist schon gestorben

Alles schon vorbei: Johannes (Christoph Pohl, M.) kommt als Sterbender auf die Bühne.der Welt, sein Freund Peter (Will Hartmann) ist schon gestorben

Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de / BM

Zwei Schlagzeuger links und rechts von der Bühne schlagen ihre Trommeln anfangs mit solcher Wucht, dass dem Publikum der Schreck in die Glieder fährt, nicht im Gestus irgendeines Musikstils, sondern als würden sie etwas ins Trommelfell rammen wollen. Selbst die, die noch nicht dazu bereit sind, müssen sich darauf einlassen. Es ist nicht das Unangenehmste, was ihnen an diesem Abend in der Deutschen Oper begegnet.

Angekündigt ist eine Oper über den Beginn des Lebens und das Ende. Der Roman „Morgen und Abend“ von Jon Fosse, 2000 auf Norwegisch und ein Jahr später in deutscher Übersetzung erschienen, diente dem österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas als Vorlage.

Zwischen Überforderung und Willfährigkeit

Man sieht auf der weißen Bühne über anderthalb Stunden nur ein einziges Bild: ein Stuhl, ein Einkaufswagen, ein Türrahmen, ein Regenschirm, ein Bett und ein Fischerkahn in glanzlosem Weiß. Es ist dennoch eine aufwändige Produktion, und sie wurde von der Deutschen Oper Berlin mit dem Royal Opera House Covent Garden in London koproduziert.

Der Aufwand erschließt sich aus den Klängen, wenn man hinter dem Rück-Prospekt erstmals den wortlos lallenden Chor hört und ahnt, wie genau das Orchester unter Michael Boder an der auf ewig gehaltene Tonflächen fixierten Partitur arbeiten musste.

Musikalische Langeweile pur

Angekündigt ist ein Werk über das Wesentliche, wie oft bei Neuer Musik: Diese will möglichst keine Bühnenvorgänge illustrieren, denn damit würde sie ihren Anspruch, als Musik an sich Neues zu bieten, aufgeben. Deshalb sind wir die Ankündigung von gegenwärtigen Opernkomponisten, sich musikalisch mit dem „Wesentlichen“ – Angst, Liebe, Hass, was auch immer – zu beschäftigen, schon gewohnt.

Nicht selten und nicht zu Unrecht erwarten wir Großes und sind dann mit einer überfordernden Komplexität der musikalischen Ereignisse konfrontiert, und die etwaige Wirkung eines wie auch immer Großen, Wesentlichen, Eigentlichen wird zwischen dieser Überforderung und den Willfährigkeiten des Theaterbetriebs zerrieben.

Haas dagegen, der sich vom Autor Fosse selbst das Libretto schreiben ließ, ist ein besonderer Fall. Seine Musik ist nach herkömmlichem Musikbegriff die am wenigsten komplexe, die man sich als Musik noch gerade vorstellen kann. Sie besteht aus Haltetönen, bringt mit ruhigen Obertönen der unterschiedlich kombinierten Instrumente etwas Naturhaftes in die kulturell überzüchtete Kunstform Musiktheater.

Es ist musikalische Langeweile pur, und für die, die auf eine Pointe warten, äußerst lästig. Wenn Klaus Maria Brandauer als Fischer Olai von der singenden Hebamme zum fünften Mal zu immer gleichen Klängen darauf hingewiesen wird, dass seine Frau einen gesunden Sohn geboren hat, der so hübsch aussieht, beginnen einige im Parkett unruhig und peinlich berührt auf den Stühlen herumzurutschen.

Es ist einfach zu privat, was da passiert

Es ist ja auch wirklich dämlich. Der Fischer Olai spricht österreichischen Slang und will seinen Sohn Johannes nennen. Haas lässt seine Hebamme Sarah Wegener ein provinziell operettenhaftes Parlando singen, ohne Ironie, ohne Ziel. Doch das ist es nicht, was uns so peinlich ist.

Dass dies alles unbeholfen und keine große, sublime Kunst sei, die wir in neuem Musiktheater erwarten, ist eine faule Ausrede. Es ist einfach zu privat, was da auf der Bühne passiert. Genau in solchen debilen Wiederholungen von leicht zu begreifenden Sachverhalten redet man bei der Geburt von jemandem, auch bei seinem oder ihrem Tod.

Gestammel vom Wesentlichen

Der Philosoph Martin Heidegger erhob nicht Geburt und Tod selbst zu existentiellen Zuständen, sondern die Langeweile – man erfahre hier sein Dasein auf eine schmerzhaft eigentliche Art. Heidegger erfand im Zuge dieser besonderen Annäherung an das Unnennbare des Daseins eine eigene Sprache, einen „Jargon der Eigentlichkeit“, wie sein Intimfeind Adorno spottete.

Genau das Gleiche ist auch dem Autor Fosse vorgeworfen worden, als er sich in „Morgen und Abend“ literarisch in die existentiellen Zwischenzustände Geburt und Tod einzufühlen suchte – ein pro­vinziell-privates Gestammel von Eigentlichkeit, Unbedingtheit, dem Wesentlichen.

Man muss sich darauf einlassen

Man kann der Meinung sein, dass das Buch von Fosse wie auch das Musiktheater von Haas keine große Kunst ist. Doch gerade Haas simplizistische, anti-kunsthafte Musik macht sich so durchhör- und ungreifbar, dass man ihm den Mut zuschreiben muss, uns mit dem Thema des Sterbens als Komponist, als Autor allein zu lassen.

Diejenigen, die damit nicht klar kommen, werden den Abend als schlechte neue Oper in Erinnerung behalten. Diejenigen, die sich abfinden können mit der Banalität und Langeweile, werden sich nicht erinnern können, Kunst gehört zu haben – obwohl diese Kunst unter der sensiblen Regie von Graham Vick und mit einem lupenrein Obertöne exerzierenden Orchester uns selbst in Berlins Klassikbetrieb nicht oft so elaboriert und vollendet gegenübertritt.

Noch einmal die Haare schneiden

Der gerade geborene Fischer Johannes wird, als sterbender alter Man darstellerisch-tonlich agil vom Bariton Christoph Pohl verkörpert, im zweiten Teil des Abends seinem bereits toten Fischerkollegen Peter (ebenfalls keine Wünsche offenlassend: der Tenor Will Hartmann) begegnen.

Da hat der alte Johannes schon blaue Nägel, will dem Freund aber noch mal, wie früher, die Haare schneiden. Auch diesen Wunsch wiederholt er an die zehn Mal. Das Publikum rutscht wieder herum.

Deutsche Oper Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Kartentel.: 343 84 343. Weitere Termine: 3. und 11. Mai, 19.30 Uhr; 22. Mai, 18 Uhr