Kultur

Bittere Erinnerungen an Schulzenhof von Strittmatters Sohn

Wer hinter die Kulissen von deutschen Künstler- und Schriftstellerfamilien blickt, kann sich meist dem selbstkritisch-ironischen Fazit von Thomas Mann über seinen eigenen Familienclan kaum verschließen: „Einen Knacks hat jeder“. Der Publizist und Satiriker Karl Kraus hat das Thema allgemeiner gefasst: „Das Wort ,Familienbande’ hat einen Beigeschmack von Wahrheit.“ Das neueste Beispiel für diesen Wahrheits­gehalt liefert nun ein Spross der berühmten ostdeutschen Schriftsteller­familie Eva und Erwin Strittmatter („Der Laden“, „Der Wundertäter“).

Erwin junior, der sich vorsorglich als Schauspieler und Autor schon frühzeitig den Künstlernamen Erwin Berner zulegt, hat seine bitteren „Erinnerungen an Schulzenhof“ und an seine Kindheit und Jugend veröffentlicht. Sie lesen sich streckenweise bei aller Subjektivität nicht ohne Erschütterung. Da ist von einer „missratenen Kinderzeit“, von Lebenslügen, Kränkungen, Ängsten vor dem eigenen, zum Jähzorn neigenden Vater, von Schauspielereien und Fremdsein im Elternhaus und von Brüder-Eifersüchteleien und Konkurrenzen die Rede. Der idyllische Schulzenhof, ein Pferdegehöft im Brandenburgischen in der Nähe von Rheinsberg und Gransee, erscheint als eine wahre Thomas-Bernhard-Schlangengrube, als ein Hort der ständig Gekränkten und Übelnehmer und Intriganten nach innen – nach außen war Schulzenhof ein jahrzehntelanger begehrter und renommierter Treffpunkt der Kulturelite der DDR, von Hermann Kant bis Peter Schreier und Benno Besson.

Die hatte Vater Strittmatter, der Anfang der 50er-Jahre noch mit Bertolt Brecht am Berliner Ensemble zusammenarbeitete („Katzgraben“), lieber um sich als seine Familie. Sie durfte im Haus nur auf Zehenspitzen laufen und die Türen nur geräuschlos schließen, wenn der Meister dichten wollte. Am Mittagstisch hatte in der Regel nur der Hausherr selbst was zu sagen oder wenigstens das Wort zu führen. „Wir Kinder konnten am Tisch sitzen – Vater nahm uns nicht wahr.“ Aber wehe, wenn zu viel geschwiegen wurde, aus lauter Angst, etwas Falsches zu sagen: „Ich dulde nicht, dass in meinem Haus gegen mich geschwiegen wird.“ In der Familie von Thomas Mann ging es den Überlieferungen zufolge nicht viel anders zu.

„Als Schriftsteller, ja – als Mensch, nein!“ sagt der Sohn zur Mutter über seinen Vater. Aber auch Mutter und Sohn verkehrten zeitweise miteinander „wie Fremde“, erinnert sich Erwin junior. „Ich fing an zu frösteln“, der Sohn fühlte sich als „Gast im Elternhaus“, sogar „überflüssig, nutzlos“. Schließlich muss er auch noch erfahren, dass er eigentlich ein ungewolltes Kind ist, er sollte abgetrieben werden. Das Gesamturteil bleibt jedem Leser selbst überlassen. Erwin Berner alias Strittmatter hat sich offenbar schreibend befreit oder es wenigstens versucht. Er will sich nicht rächen, wie er betont. „Ich will notieren, wie es war.