Kultur

Vertonte BeziehungsproblemeBeyoncés Weg zur Selbsterkenntnis

Schön geworden: Beyoncé legt mit „Lemonade“ ihr bislang bestes Album vorAuf dem neuen Album „Lemonade“ verarbeitet der US-amerikanische Superstar seine Beziehungsprobleme, es ist sein bestes bislangSchön geworden: Beyoncé legt mit „Lemonade“ ihr bislang bestes Album vorAuf dem neuen Album „Lemonade“ verarbeitet der US-amerikanische Superstar seine Beziehungsprobleme, es ist sein bestes bislang

Es ist einem so eingebläut worden in Deutschunterricht und Literaturseminar, dass man als Leser gefälligst immer einen deutlichen Trennstrich zwischen dem Autor und dem Icherzähler ziehen soll. Aber wie ist das eigentlich in Popsongs?

Nun, bei Popsongs muss man sich schon arg quälen, wenn man textdeutungsmäßig ganz vorsichtig zu Werke gehen will. „Lemonade“, das neue Album der amerikanischen Pop-Prinzessin Beyoncé, ist so eindeutig ein autobiografisches Album, dass leugnen zwecklos wäre. Oder?

„Kannst du nicht sehen, dass kein anderer Mann über dir steht/wie mies du ein Mädchen behandelst, das dich liebt“, singt die Sängerin in „Hold up“. „Es ist so eine Schande, dass du diese gute Beziehung so verschwendet hast“, heißt es weiter. Und in „Pray You Catch Me“ haucht sie maximal konfrontativ ihrem Gegenüber entgegen, dass man Unehrlichkeit schmecken könne – „sie ist in deinem Atem, den du so ungezwungen ausstößt“.

Dass Beyoncé, der schön gebaute und hervorragend singende Superstar, ihr sechstes Album wie schon 2013 den selbstbetitelten Vorgänger quasi über Nacht und ohne PR-Brimborium veröffentlicht hat, verblasst hinter jenen unmissverständlichen Versen und der Authentizität des Selbstbehauptungswillens. Das erstere macht jeder heutzutage, Kendrick Lamar, Kanye West, zuletzt auch Rihanna: neue Songs von jetzt auf gleich ins Netz stellen.

Aber die ausführliche Vertonung eines Beziehungsdramas ist dann Beyoncé vorbehalten, sie hat wie bei „Beyoncé“ schon die Songs wieder mit Videoclip ausgeliefert: Diesmal allerdings gibt es nicht ein Musikfilmchen pro Stück, sondern einen zusammenhängenden Film für das gesamte Album. Die visuelle Ebene grundiert die musikalische. Oder umgekehrt. Zu sehen gab es vom mächtigsten Pop-Clan der Gegenwart, von Beyoncé und Jay Z (bürgerlich: Shawn Corey Carter) also, im Jahr 2014 bekanntlich das berühmte „Elevator-Video“. Im Fahrstuhl hielt sich Beyoncés Schwester im Namen der Familie an Jay Z schadlos. Eine Ohrfeige für eheliche Untreue, das Gerücht hielt sich gnadenlos.

Wird schon so gewesen sein. Kaum war jetzt das neue Album, das von prominenten Produzenten (Diplo, Boots) fertiggestellt und bei dem Beyoncé von prominenten Musikern begleitet wurde (Kendrick Lamar, James Blake), auf dem Markt und über Jay Zs Streaming-Dienst Tidal zu beziehen, machten sich die Beyoncé-Exegeten auf die textliche Suche nach der amourösen Katastrophe. Sie wurden, siehe oben, wirklich reichlich fündig. Wobei man nicht vergessen darf, dass die Beyoncé-Erzählung des Jahres 2016 auch das literarische Werk der britisch-somalischen Dichterin Warsan Shire zitiert. Etliche Verszeilen Shires tauchen auf „Lemonade“ auf, und immer ist es ein weibliches Erzählerich, das aus der Binnenperspektive einer Beziehung spricht.

„Lemonade“ ist ein gutes Popalbum, das musikalisch zwischen lieblich und garstig changiert – Akustikgitarren, Piano, viel Hall, und bei „Don’t Hurt Yourself“ donnert Jack White Prince-typisch E-Gitarren-Riffs in den smoothen R&B Beyoncés. Es ist die bislang konsequenteste Arbeit der 34-Jährigen, was durchaus Schlüsse darauf zulässt, zu welchen künstlerischen Leistungen Wut führen kann.

Und dennoch hat dieses Anklage-Album ein harmonisches Kitsch-Ende. Anders hätte die öffentliche Inszenierung in Song und Film nicht funktioniert.

„Lemonade“ ist ein schmerzhafter weiblicher Trip zur Selbsterkenntnis, der angesichts seiner erfolgreichen Bewerkstelligung zur Identifikation einlädt. „Freiheit, wo bist du?“, ruft Beyoncé in „Freedom“. Dabei hat sie sich mit „Lemonade“ doch gerade so schön freigestrampelt. Die Ketten hat sie selbst gelöst.