Klassik-kritik

Andris Nelsons und die Philharmoniker tanzen bei Bruckner

Das Konzert wird am Freitag live in Kinos übertragen

Wenn Andris Nelsons mit Bruckners dritter Sinfonie zu den Philharmonikern kommt, dann ist das bemerkenswert. Zum einen gilt der junge lettische Dirigent nicht gerade als Bruckner-Spezialist. Zum anderen hätte er es sich gerade deswegen leicht machen können und eine Sinfonie des Wiener Spätromantikers nehmen können, die die Philharmoniker öfter spielen. Und drittens ist da natürlich auch noch die Erwartungshaltung der zahlreich anwesenden Bruckner-Enthusiasten, die sich nichts sehnlicher wünschen als den musikalischen Beweis für ein Bonmot: dass nämlich jede Bruckner-Sinfonie, für sich genommen, die schönste sein kann – wenn man sie nur entsprechend spielt.

Doch was machen Andris Nelsons und die Philharmoniker bloß im Kopfsatz der Dritten? Warum klingt er so durchwachsen, so schwankend zwischen Stimmigem und Unschlüssigem, dass man das Gefühl haben muss, einige Abschnitte seien ungeprobt geblieben? Auch der langsame zweite Satz fügt sich kaum zum überzeugenden Ganzen. Die Streicher wirken mal kühl, mal warm, mal leidenschaftlich – es erschließt sich nur leider nicht, warum gerade in diesem oder jenen Moment. Das Orchester, so scheint es, hat hier Mühe zu entschlüsseln, wie es Andris Nelsons haben möchte. Umso überraschender danach das Scherzo und das Finale. Die Philharmoniker spielen plötzlich wie ausgewechselt. Sie knien tief in der Musik, Andris Nelsons beginnt zu zaubern. Der Scherzo-Teil ist knackig akzentuiert und wirkt bei jeder Wiederholung staunenswert anders. Das Trio gleicht einer intim zelebrierten Tanzchoreographie. Über jeden Zweifel erhaben schließlich das Finale – mit dem schneidigen Solotrompeter Gábor Tarkövi als Anführer einer sehr schlagkräftigen Blechbläsertruppe.

Bruckner, ein glühender Wagnerianer, hat die Dritte explizit seinem großen Idol gewidmet. Kaum verwunderlich also, dass Nelsons den Abend mit Richard Wagner beginnt. Doch auch hier ist bemerkenswert, dass es sich der 37-jährige Lette keineswegs leicht macht. Mit dem Vorspiel zum 1. Akt und dem „Karfreitagszauber“ aus Wagners Parsifal wählt er eher ruhige, beschauliche Ausschnitte. Ausschnitte, die einem Orchester wie den Philharmonikern Probleme bereiten könnte, weil es über wenig „Parsifal“-Erfahrung verfügt. Tatsächlich fehlen im Vorspiel zum 1. Akt Innenspannung und Atmosphäre. Beinahe vorsichtig gehen die Musiker zu Werke – als wollten sie immer wieder überprüfen, ob die Orchesterbalance auch wirklich stimmt.

Live im Kino: Das Konzert ist heute um 19.30 Uhr im Cubix Filmpalast, im Sony Center, im Titania und im CineStar Tegel sowie in der Kulturbrauerei zu erleben