Kultur

Sich selbst verlieren

Andreas Wenderoth schreibt ein sehr persönliches Buch über die Altersdemenz seines Vaters

Ein Mann ist alt, sehr alt, 87 Jahre. Er hat schon eine Menge überstanden: einen drohenden Herzinfarkt dank mehrerer Bypässe, Diabetes dank Insulin, latente Depressionen, sogar – durch einen beherzten Sprung zur Seite – den Zusammenprall mit einem Auto, dessen Handbremse nicht gezogen wurde und das ihn in einer abschüssigen Tiefgarage fast überrollt hätte.

„Besuche in der verschatteten Welt der Familie“

All das und noch viel mehr also hat er überlebt, und dann erwischt es ihn doch. „An einem schneelosen Sonnabend im November 2013 verlor mein Vater sich selbst“, schreibt Andreas Wenderoth. Sein Vater erkrankt an Demenz, besser gesagt kommt eine „vaskuläre Demenz“, die sich wohl in Ansätzen schon länger zeigte, richtig zum Tragen. Die Straße in Lichterfelde, in der er immer wohnte, die nahe Kreuzung, das Haus von außen, er erkennt alles plötzlich nicht mehr. Und das ist nicht so überraschend.

„Fast jeder Mensch wird dement, wenn er nur alt genug wird“, schreibt Wenderoth. „Von den 65- bis 69-Jährigen sind nur 1,6 Prozent dement. Bei den über 80-Jährigen ist jeder Fünfte betroffen, und bei den über 90-Jährigen sind es bereits 40 Prozent.“ Tatsächlich – und das ist auch die These des Buches – könnte man Demenz als Pferdefuß einer Gesellschaft sehen, die dank der Medizin sehr, sehr alt werden kann.

Allerlei Organe und Symptome kriegt man dabei ganz gut in den Griff: das Herz, den Blutdruck, den Blutzucker. Aber das alternde, „ausgefranste“ Gehirn wird zunehmend zum Problem. In seinem Buch „Ein halber Held. Mein Vater und das Vergessen“ erzählt Andreas Wenderoth sehr persönlich über seinen Vater, aber auch darüber, wie es ist, als einziger Sohn plötzlich wieder voll im Leben der Eltern eingespannt zu sein. Er will seine Mutter, die auch schon 80 Jahre alt ist und den Vater pflegt, mit regelmäßigen Besuchen so gut wie möglich unterstützen. Will dem geliebten Vater, der ein Schatten seiner selbst ist, das Leben erleichtern. „So nehme ich einen Teil seiner Last auf mich und bin nach meinen Besuchen in der verschatteten Welt der Familie oft ausgelaugt.“

Wer jemals über längere Zeit erleben musste, wie ein naher Angehöriger ohne Hoffnung auf Besserung dahinsiecht, der kennt das Gefühl. Nach solchen Besuchen, und seien sie noch so kurz, denkt man, einem sei der Stecker gezogen worden. Eine unvorstellbare Müdigkeit überkommt einen hinterher, schlimmer als nach einem schweren Arbeitstag. „Unvermittelt fängt er an zu weinen.“ Die Rollen vertauschen sich, der Vater wird zum alten Kind, der 50-jährige Sohn tröstet.

Wenderoths Buch wird immer wieder von Dialogen mit dem Vater unterbrochen. Der spricht inzwischen „dementisch“ – eine Art zu kommunizieren, die bei ihm fast kunstvoll dadaistisch anmutet. „Aber ist es nicht trotzdem als Bett ... berührungssüchtig?“ – „Gewöhnungsbedürftig?“, fragt der Sohn irritiert. – „Genau.“ Ein „berührungssüchtiges Bett“, das kann man ein Moment sprachlicher Schönheit nennen, zwischen all dem Dahindämmern durch die Tage. Der Radius des Vaters wird immer kleiner. Gegen Ende des Buches spricht er zunehmend sehnsüchtig vom Tod. „Ach, wenn ich doch umfallen würde, tot.“

Sollte man eine Schwäche des Buches von Andreas Wenderoth nennen, dann den Fakt, dass er sich erst gegen Ende des ersten Drittels wirklich mit Alter und Demenz auseinandersetzt. Anfangs überwiegt der Schock, den Vater geistig verschwinden zu sehen. Als Sohn ist das verständlich. Doch richtig stark wird das Buch dann, als uns der Journalist Wenderoth klarmacht: Grassierende Demenz ist die Zukunft unserer alternden Gesellschaft. Und die Kehrseite einer Medizin, die uns vieles überleben lässt.