Klassik in Berlin

Der schleichende Übergang bei den Berliner Philharmonikern

Chefdirigent Simon Rattle kündigt die neue Saison der Philharmoniker an. Sein Nachfolger Kirill Petrenko wird mehrere Konzerte leiten.

Bei den Berliner Philharmonikern steht ein Wechsel der Chefdirigenten bevor: Der Brite Simon Rattle geht 2018, ein Jahr später kommt der Russe Kirill Petrenko

Bei den Berliner Philharmonikern steht ein Wechsel der Chefdirigenten bevor: Der Brite Simon Rattle geht 2018, ein Jahr später kommt der Russe Kirill Petrenko

Foto: Monika Rittershaus

Auf einmal sitzt Sir Simon Rattle vorn auf dem Podium und kündigt seine Pläne für die neue Saison der Berliner Philharmoniker an. Und obwohl nichts anderes angekündigt und zu erwarten war, ist es doch etwas verwunderlich. Etwas fehlt. Dafür liegen einige Fragen, die den schleichenden Chefwechsel betreffen, in der Luft.

Rattle hatte als Chefdirigent seinen Abschied bereits Jahre vorher angekündigt und wird nun 2017 ins London Symphony Orchestra einsteigen und bis 2018 noch parallel sein Berliner Orchester führen. In der Zwischenzeit gab es viele Wirrnisse rund um die Nachfolgerwahl und wann der Neue kommen wird. Kirill Petrenko tritt nun 2019 an und tut sich offenbar etwas schwer mit seinem Abschied aus München. Noch immer ist offiziell kein Termin für die Vertragsunterzeichnung genannt.

Immer wieder ist Petrenko Thema

Natürlich sitzt Petrenko jetzt nicht auf dem Podium. Noch ist Sir Simon der Chef. Aber alle Beteiligten kommen an diesem Donnerstag mehrfach auf Kirill Petrenko zu sprechen, loben ihn oder freuen sich auf die Zusammenarbeit. Bereits in der Saison 2016/17 wird Petrenko bei den Philharmonikern zu erleben sein.

Dreimal ist er im Verzeichnis der Saisonbroschüre genannt. Aber auch diese Phase des musikalischen Übergangs wirkt irgendwie kompliziert. Beim Musikfest Berlin, das von den Philharmonikern mitveranstaltet wird, gastiert Petrenko am 14. September mit seinem Bayerischen Staatsorchester. Am 22. März 2017 kommt es dann zum Berliner Einstandskonzert des designierten Chefdirigenten. Das zweite Konzert tags darauf ebenfalls mit Mozarts „Haffner“-Sinfonie und Tschaikowskis „Pathétique“ wird live aus der Philharmonie in Kinos übertragen. Bei den Osterfestspielen Baden-Baden wird Petrenko das Programm noch einmal am 8. April im Festspielhaus dirigieren.

Auch nach Auslaufen des Vertrags sind Konzerte geplant

Natürlich wird Simon Rattle am Donnerstag auch nach dem Ende seiner Amtszeit gefragt. Denn genau genommen endet seine Rundum-Präsenz in Berlin bereits 2017. Er sehe dies aber nicht als einen Abschied, betont Rattle. Auch nach dem Auslaufen seines Vertrags werde es noch viele Konzerte mit dem Orchester geben. „Das ist eine musikalische Familie“, sagt Rattle, „und ich liebe meine Familie.“

In der Saison 2016/17 ist er reichlich präsent. Insgesamt leitet er 53 der insgesamt 122 Sinfoniekonzerte und zehn Opernaufführungen, davon finden 31 Konzerte und vier Opernaufführungen in Berlin statt. Es ist nicht zu übersehen, wie innig sich Rattle in den letzten Jahren der Oper und dem Szenischen zugewandt hat. Neben Puccinis „Tosca“, die sowohl in Baden-Baden als auch in Berlin aufgeführt wird, gibt es einen kleinen ungarischen Schwerpunkt mit Ligetis „Le Grand Macabre“ und Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“. Das Ligeti-Stück wird wieder Peter Sellars in der Philharmonie inszenieren. Darüber hinaus leitet Rattle „The Gospel According to the Other Mary“ von John Adams. Der Amerikaner ist in der kommenden Saison der Composer in Residence bei den Philharmonikern. Rattle erzählt fröhlich von seinen familiären Verbindungen.

Leicht zerzaust und ziemlich schelmisch

Überhaupt wirkt Rattle bei der Vorschau leicht zerzaust und ziemlich schelmisch. Dazu gehört auch, dass er nicht nur für ein Orchester Werbung machen möchte, sondern partout auch für ein anderes. Dann kommt die Überraschung. Rattle ist offenbar Fan des britischen John Wilson Orchestra. Das ist ein junges Orchester, das mit Filmmusik und allem, was in der Klassik Spaß macht, seine Marktlücke gefunden hat. Es gastiert ebenfalls beim Musikfest Berlin, nachdem Rattle die Anregung dafür gegeben hat.

Möglicherweise ist die Leichtigkeit des Seins der Punkt, bei dem die Interessen der Philharmoniker und ihres scheidenden Chefs langsam auseinander gehen. Die Philharmoniker haben sich mit Petrenko einen Tüftler gewählt. Hervorgehoben wird auch das Debüt des wohl künftigen Jahrhundertpianisten Daniil Trifonov (25), der im Silvesterkonzert Rachmaninows drittes Klavierkonzert spielen wird. Champagnerkorken klingen anders. Darüber hinaus ist in der kommenden Saison wieder alles angekündigt, was Rang und Namen in der Klassikwelt hat.

Intendant Martin Hoffmann verweist auf spannende Projekte rund um die Philharmonie. Dazu gehört die Saisoneröffnung, die am 26. August in der Philharmonie stattfindet. Bereits tags darauf gehen Rattle und seine Musiker hinaus aufs Kulturforum und beginnen die Saison open air. Der Eintritt ist frei. Hoffmann wird sein Amt 2017 aufgeben. Die Findungskommission für den Nachfolger, der neben Orchestermusikern Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner, Rattle und Petrenko angehören, habe bereits einige Male getagt, sagt Orchestervorstand Ulrich Knörzer. Man sei guter Dinge. Zu gut Deutsch: Es gibt noch keinen.