Literatur

Scott Fitzgerald und seine letzte Liebe in Hollywood

Das kurze Leben von Scott Fitzgerald: Stewart O’Nan legt eine fiktionale Biografie über den Schriftsteller vor, der früh zu Ruhm kam

Die besseren Tage: Scott und Zelda Fitzgerald zusammen mit ihrer Tochter Scottie 1927 in Virginia Beach

Die besseren Tage: Scott und Zelda Fitzgerald zusammen mit ihrer Tochter Scottie 1927 in Virginia Beach

Foto: dpa Picture-Alliance / Keystone Pictures USA / picture alliance / ZUMAPRESS.com

„Er hatte ein Talent zum Glücklich-Sein gehabt, aber damals war er noch jung und erfolgreich gewesen.“ Jetzt ist er Anfang vierzig, immer noch relativ jung, könnte man denken. Aber der Eindruck ist falsch, wenn man Scott Fitzgerald heißt und bereits mit 23 Jahren „Diesseits vom Paradies“ geschrieben hat. Und das mit dem „Relativ-Jung“ gilt rein gar nicht, wenn man mit 44 Jahren stirbt.

Der amerikanische Schriftsteller Stewart O’Nan hat in seinem Roman „Westlich des Sunset“ über Fitzgeralds letzten drei Jahren geschrieben, er hat sich in sein Leben hineingedacht, es ist eine Art fiktionale Biografie geworden. Diese Form erfreut sich einiger Beliebtheit. Im vergangenen Jahr führte Frédéric Beigbeder durch das Leben von J. D. Salinger und dessen Liebe zur 15-jährigen Oona O’Neill, Joseph O’Connor erzählte 2012 in „Irrlicht“ über die kurze und skandalträchtige Affäre zwischen dem irischen Theatermann John Millington Synge und seiner jungen Schauspielerin Molly Allgood.

Auch bei Scott Fitzgerald ist es die Geschichte einer unmöglichen Liebe. Denn eigentlich ist er schon vergeben, und alle Welt weiß das. Seit 17 Jahren ist er verheiratet mit Zelda, sie waren ein Glamourpaar, dann wurde sie verrückt, zumindest unberechenbar. Sie wurde zu einer Frau, die Tennisschläger auf der Nase der Gegnerin zerbricht, versehentlich Häuser anzündet und neben einem langsam fahrenden Güterzug rennt, um sich vor ihn zu werfen.

Sie ist in einer psychiatrischen Anstalt, die nicht ganz billig ist, die Schulausbildung der Tochter Scottie muss auch bezahlt werden, Scott geht nach Hollywood zum Filmstudio Metro-Goldwyn-Mayer. Um seine Schulden abzubauen, arbeitet er dort als Drehbuchautor. Sein Leben erscheint ihm wie ein permanenter Abstiegskampf: Mit vierzig Jahren „war er durch eine Reihe von Rückschlägen, die er als Pech betrachtete, zu einem Heimatlosen geworden“, schreibt Stewart O’Nan.

Er ist ein Alkoholiker, aber er lässt sich nicht gehen

In Los Angeles ist er Teil der Gesellschaft, wir begegnen Humphrey Bogart, der ihn über alles bewundert, eine zuvorkommende Marlene Dietrich und Ernest Hemingway, der sich, wie üblich bei ihm, nur in Konkurrenz zu Fitzgerald sehen kann. Kaum angekommen, verliebt sich Scott Fitzgerald in Sheilah Graham, die ihm so vorkommt wie die „Zwillingsschwester“ von Zelda, nur halt jünger, blonder, stabiler. Dass sie Klatschkolumnistin ist, ist ein Hindernis, dass sie verlobt ist, ist ein weiteres, aber es dauert nicht lange, bis sie ein Paar werden. Zelda ahnt es („Du kommst allein nicht gut klar“), Scott bestreitet es mit dem traurigsten aller Dementis („Da ist niemand“).

Die Sache mit Sheila ist keine Amour fou, sie steht zu ihm treusorgend, und wenn sie ihn gelegentlich verlässt, dann nur, weil sie seine Trinkgelage nicht mehr ertragen kann. Scott Fitzgerald kann den Gedanken an Alkohol nicht abstellen, egal, ob er gerade trinkt oder nicht. Als er einen Herzinfarkt erleidet, ordnet der Doktor mehr Ruhe an: „Keine Rennerei, keine Treppen und, zumindest in den nächsten paar Wochen, kein Sex, Vorschriften, die Sheilah mit der humorlosen Beflissenheit einer Nonne durchsetzte.“

„Die gegen ihn verbündeten Kräfte waren mittelmäßig, aber zahlreich“

Scott Fitzgerald ist ein Alkoholiker, aber er lässt sich nicht gehen. Er funktioniert. Er setzt sich im Morgengrauen an Erzählungen oder an seinen nicht vollendeten Roman „Die Liebe des letzten Tycoon“, bevor er gegen neun Uhr zum Studio aufbricht. Er kämpft verbissen um seine Namensnennung im Filmabspann und ist gekränkt, wenn sie fehlt. Was er in den Drehbüchern schreibt, findet sich entweder gar nicht oder völlig entstellt im Film wieder. „Die gegen ihn verbündeten Kräfte waren mittelmäßig, aber zahlreich, das war die Tragödie von Hollywood.“

Um die 20 Bücher hat Stewart O’Nan geschrieben, er hat keinen ununterscheidbaren Stil wie andere amerikanische Erzähler, wie Richard Ford oder Thomas Pynchon oder Raymond Chandler. Aber wahrscheinlich würde man doch jeden Roman von ihm irgendwann erkennen. Zwei Leitmotive durchziehen sein Werk. Zum einen ist es von dem Glauben durchzogen, dass es irgendwo noch eine verschüttete, gleichwohl bessere Version von einem selber geben muss. „Das Bedürfnis zurückzukehren und ein anderer Mensch zu sein, ließ niemals nach, sondern wurde immer stärker“, heißt es in „Emily, allein“ über die alte Dame Emily. „Westlich des Sunset“ ist durchzogen von Fitzgeralds Sehnsucht nach einem Leben mit weniger Schuldgefühlen, in dem er sicht nicht mehr als Versager sieht, in dem er weniger trinkt und in dem er die – vermuteten – Erwartungen seiner Frau, seiner Tochter, seiner Freundin zu erfüllen weiß.

„Und wieder beschloss er, ein besserer Vater zu sein“

Das andere Leitmotiv von O’Nan ist die Sorge um den Anderen. Bei „Emily, allein“ dreht sich das Leben der alten Dame um ihre beiden erwachsenen Kinder, die nie da, doch immer präsent sind: „Beide waren so vielversprechend, und doch wirkten sie so unglücklich und gaben sich so leicht geschlagen.“ In dem, je nach Lesart, Liebes- oder Trennungsroman „Die Chance“ heißt es paradigmatisch für sein Werk: „Sie mochten Montagfrüh pleite sein und die Scheidung einreichen, doch er würde nie aufhören, Vorsorge für ihr Glück zu tragen, auch wenn das völlig unmöglich erschien.“

Und so lässt sich „Westlich des Sunset“ auch als eine Liebesgeschichte lesen, als eine Liebe zu seiner Tochter Scottie, die viel zu weit weg ist, sodass es ihn fast umbringt, weil er nicht weiß, was sie gerade macht, wo sie gerade steckt: „Er starrte sie liebevoll an, wie immer von dem Wunsch beseelt, sie vor dem Elend des Lebens, auch seinem eigenen, schützen zu können. Bisher war ihm das nicht gut gelungen. In diesem Moment hob sie den Blick und lächelte ihn an, und wieder beschloss er, ein besserer Vater zu sein.“

Als Scott Fitzgerald starb, war seine Tochter 19 Jahre alt. Es geschah zu einem Zeitpunkt, so hat es Stewart O’Nan in einem Interview erzählt, in dem er sein Tief überwunden hatte: „Ich glaube, in Hollywood hat er wieder zu sich gefunden: Er hatte seine Liebe zum Schreiben wiedergefunden, er konnte die Welt wieder lieben.“