Dokumentarfilm

"Wer hat Angst vor Sibylle Berg" ist leider misslungen

Kann man eine Doku über Sibylle Berg drehen, ohne ihr eine einzige intelligente Frage zu stellen? Man kann. Das Ergebnis jetzt im Kino.

Sibylle Berg in einer Szene des Films „Wer hat Angst vor Sibylle Berg?“

Sibylle Berg in einer Szene des Films „Wer hat Angst vor Sibylle Berg?“

Foto: Zorro Film / dpa

„So, was können wir noch besprechen?“, fragt sie nach 45 Minuten. Kurz darauf stellt sie fest: „Jetzt haben wir alles besprochen.“ Schön wäre es. Der Film ist da gerade einmal zur Hälfte durch. Neues oder Interessantes wird man nicht mehr erfahren. Aber zu dem Zeitpunkt hatte man ohnehin jede Hoffnung aufgegeben.

Dabei ist es keine schlechte Idee, einen Dokumentarfilm über Sibylle Berg zu drehen. Die 48-Jährige ist eine ungemein fleißige Autorin, zehn Bücher hat sie geschrieben und 20 Theaterstücke, sie verfasst Kolumnen und ist auf Twitter schwer aktiv, es ist also relativ schwer, sie nicht zu kennen. „Die Aufregung hat sich abgenutzt. Wie alle Gefühle, ich hatte jedes schon einmal. Es wird kein neues dazu kommen. Das ist das Grauen der mittleren Jahre,“ hat sie in ihrem Roman „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“ geradezu paradigmatisch für ihr Werk geschrieben. Ihre Sicht auf das Leben – Altern, Tod, Sex, Hauterschlaffungen – lässt keine Hoffnungen und ist daher vielleicht auch so befreiend und populär, die eigene Mittelmäßigkeit ist nicht ganz so trostlos, wenn man sich dabei in einer größeren Gemeinschaft wähnt.

„Wer hat Angst vor Sibylle Berg?” ist ein gut gewählter Titel. Denn man hat Respekt vor ihr, mindestens. Sie erkennt die Schwachstellen, da fühlt man sich automatisch durchschaut. Sibylle Berg sagt dazu in unglaubhafter Unschuld: „Die Leute fühlen sich provoziert, und ich blicke das Ganze voller Unverständnis an.“ Und es geht eigentlich auch ganz gut los, sie besucht in Kalifornien ein Traumhaus mit einem Alptraum-Eigentümer: Es ist ein Immobilienspekulant, der Sibylle Berg auf alle Ebenen des von John Lautner gebauten Hauses führt und sein Reichtum präsentiert und dabei komplett verloren und einsam erscheint. Sibylle Berg stellt Fragen in erbärmlichen Englisch („Ich habe die Hose on me“), und mit Schadenfreude beobachtet man, wie der Immobilienspekulant Bergs Schnoddrigkeit mit Ignoranz begegnet. Ein unterhaltsames Nicht-Gespräch.

Wir sehen dann Sibylle Berg in der Schweiz, in Berlin, sie trifft Katja Riemann und Helene Hegemann und Schauspielschüler. Nur wäre es hilfreich gewesen, wenn die Filmemacherinnen Wiltrud Baier und Sigrun Köhler eine minimale Idee gehabt hätten, was sie von Sibylle Berg wissen wollten. In 90 Minuten wird nicht eine intelligente Frage gestellt, sie fragen nach ihrer ersten Erinnerung, worüber es in ihrem neuen Buch geht – alles Fragen, die auf zweiminütige Wikipedialektüre als Vorbereitung deuten.

Dabei öffnet Sibylle Berg immer wieder einen Spalt, sagt, wie „blöd“ sie Thomas Mann und Max Frisch findet, und man denkt erst, warum ist das wohl so, und dann denkt man, warum zur Hölle fragen die Filmemacherinnen nicht weiter. Wie haben sie es überhaupt geschafft, einen ganzen Film zu drehen, ohne ein einziges Mal über Literatur zu sprechen? Keine Frage über ihr Werk, ihre Rezeption, ihre Außenseiterposition im Literaturbetrieb, ihre Haltung zum zeitgenössischen Theater. Sibylle Berg hat über Monate mit zwei Langweilern ihre Zeit vertan, der Zuschauer nur 90 Minuten. Das sollte ihm ein Trost sein.

"Wer hat Angst vor Sibylle Berg?" startet am 28. April in ausgewählten Berliner Kinos