Kultur

Nischenkünstler von heute – vielleicht auch von morgen

Das Festival „Pop-Kultur“ findet nicht mehr im Berghain, sondern in Neukölln statt. Ansonsten ändert sich kaum etwas

Die „Pop-Kultur“, noch mal zur Erinnerung, das ist dieses Festival, das die Berlin-Music-Week beerbt hat. Vergangenes Jahr fand es zum ersten Mal statt – im Berghain. Von da an nannte man es in der Stadt salopp „dieses Berghain-Festival“, das hat den Kuratoren nicht so gut gefallen. Denn die Pop-Kultur, das ist ja kein Berghain-Festival, soll auch keins sein, sondern ein Berlin-Festival, ein amtliches, ein von der Stadt – und besonders eben dem Musicboard Berlin – ausgetragenes. Deswegen ist man jetzt umgezogen nach Neukölln. Um Unabhängigkeit zu statuieren. Hier bespielt man dann auch nicht nur ein Venue, sondern gleich viele. Namentlich das SchwuZ, den Heimathafen, das Huxleys, den Keller, das Prachtwerk und das Passage-Kino. Im Letztgenannten stellen die Kuratoren Katja Lucker, die Vorsitzende des Musicboards, Martin Hossbach, das Musiklabel und der Musikjournalist in Personalunion, sowie Christian Morin, von Headquarter Entertainment, das neue Programm vor.

Und was soll man sagen, im Grunde ist alles beim Alten. Pop ist bei der Pop-Kultur auch 2016 nicht wirklich Pop, sondern Special Interest. Nischenkünstler von heute, vielleicht morgen und auf jeden Fall gestern kommen zusammen, um entweder Musik zu machen, oder auch – wenn sie mögen – etwas ganz anders. Das lassen die Kuratoren immer offen. Und so entscheiden sich die Musiker dann häufig dafür, etwas zu lesen, ein Album ganz theateresk nicht zu spielen, sondern es uraufzuführen, oder eben einen Talk über Kolonialismus abzuhalten.

Auch ganz wie im letzten Jahr ist folgende Festival-Besonderheit: „Wir haben immer ein Herz für alte Männer, vor allem, wenn sie nicht riechen“, so sagt das Katja Lucker. Was bedeutet, dass Matthew Herbert, wie auch im vergangenen Jahr wieder dabei sein wird. Dieses Mal um sein neues Album „A Nude“ vorzustellen, das wiederum – es scheint wie für die Pop-Kultur gemacht – aber nicht als Tonträger, sondern in Prosaform erscheinen wird. Man könnte jetzt natürlich auf die Idee kommen, es sei demnach vielleicht gar kein Album, sondern ein Hörbuch oder Buch, aber die Deutungshoheit liegt in jedem Fall – selbstverständlich – beim Künstler. Alt-Punk Richard Hell wird auch vorlesen – nicht aus seinen Alben mit den Voidoids – sondern, ganz klassisch, aus seiner Autobiografie.

Talent aus Berlin ist bisher mit folgenden Einträgen verbucht: DIÄT werden spröd klassischen Post-Punk spielen, und der verträumte Disco-Electro von Roosevelt wird zu hören zu sein. Der junge Kölner ist in diesem Jahr, so sagt Lucker, extra von Köln nach Berlin gezogen, um hier sein Album aufzunehmen. Er ist fester Bestandteil des Festivalsommers, auch auf dem Melt wird man ihn beispielsweise hören können. Ebenfalls Festival erprobt ist das Klassik-Techno-Ensemble Brandt Brauer Frick, das wird ihr Album uraufführen.

Den inoffiziellen Headliner des Festival geben die Liars aus New York. Sie werden ihren noch nicht erschienenen Soundtrack, zu einem ebenfalls noch nicht erschienen Film uraufführen und außerdem noch an einem Bühnentalk teilnehmen. Zum Performance-Programm gibt es in diesem Jahr – ganz im Sinne des Förderungsauftrags des Musicboards – auch wieder ein tägliches Workshop-Angebot. 250 Nachwuchsmusiker und Journalisten sollen sich dafür anmelden können. Das Dozenten-Team sei hochkarätig. Nur Lady Gaga habe man bisher noch nicht verpflichten können.

Pop-Kultur, 31.08–2.09.2016