Kultur

Ein Atelier auf dem Dach des Außenministeriums

Das Auswärtige Amt vergibt drei Stipendien pro Jahr

Frank-Walter Steinmeier ist wahrscheinlich weltweit der einzige Minister, der ein Atelier auf dem Dach hat. Noch dazu hat man von hier – mit toller Rundum-Terrasse – einen einzigartigen Blick auf die Stadt, Dom, Altes Museum, Park Inn Hotel, Fernsehturm, Plattenbauten, die von hier aussehen wie Zähne gespickt mit Plomben. Nicht, dass es den Außenminister neben seinem Job hoch oben im Auswärtigen Amt (AA) noch an Pinsel und Leinwand ziehen würde, er hat nun offiziell ein "AArtist in residence"-Stipendiat ausgeschrieben, dem ersten diplomatischen Inhouse-Programm dieser Art. "Um etwas Gutes für Berlin zu tun", natürlich auch, um seiner Diplomatie mit anderen Mitteln Ausdruck zu verleihen, Freiraum für "Andersartigkeit", so nennt er es. Da passt es gut, dass das Atelier zum Gallery Weekend geöffnet wird, bei einem oder zwei Glaserl Sekt lässt sich den Gästen auf der Terrasse die Stadt im besten Licht erklären.

Es ist schon kurios, dass in einem extrem gesicherten Gebäude wie dem AA im 8. Stock Räumlichkeiten existieren, die unsaniert sind und deren exklusive Lage so manchen Club-Betreiber neidisch machen könnte. An der Wand liegen die Ziegel bloß, roher Beton überall, die Fenster sind gemacht, die Türen auch, "urban shabby chic" hieße das im Club-Slang. Drei Künstler pro Jahr dürfen hier künftig drei Monate arbeiten, am Ende gibt es für jeden einen Katalog und eine gemeinsame Ausstellung im kommenden Jahr, wo dann auch die neuen Kandidaten bekannt gegeben werden. Mit 2700 Euro wird jeder der Künstler unterstützt. Schon in Steinmeiers erster Amtszeit gab's hier Projekte, "kleine Piratenaktionen", mitorganisiert durch den Galeristen Werner Tammen. Während Westerwelles Amtszeit ruhte das Unternehmen, mit Steinmeiers zweiter habe man nun "aufgestockt". Etliche Kontrollen, labyrinthische Flure – der Weg zum Atelier ist abenteuerlich, gefühlt zehn Minuten ist man über die verschiedenen Etagen des AA unterwegs.

Bewerben kann sich über den Landesverband der Berliner Galerien jeder Künstler, der sich mit ausländischen Themen beschäftigt oder aus dem Ausland kommt und in Berlin arbeitet. In diese Liga passt der Fotograf und Videokünstler Andréas Lang, der sich mit dem Kolonialismus auf den privaten Spuren seines Urgroßvaters in Afrika beschäftigt. Auf dem Speicher seiner Mutter hat er Tagebücher und Fotos von ihm gefunden. Gerade ist er von einer Reise in Zentralafrika zurück, jetzt heißt es arbeiten – für seine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum im September.

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