Klassik

Er hasst das Ungefähre

Nichts wird so gespielt, wie es immer gespielt wurde: Kiril Penetrenko probt und dirigiert mit unerbittlicher Genauigkeit

Wer verstehen will, was die Faszination des Dirigenten Kirill Petrenko ausmacht, muss sich von einem Vorurteil frei machen. Es ist die verbreitete Vorstellung, dass Gefühl und Verstand in der Musik eine Art Nullsummenspiel bilden. Entweder, so das Klischee, jemand ist Kopf- oder Bauchmusiker. Je mehr Verstand bei Musik im Spiel ist, desto weniger Gefühle können von ihr ausgelöst werden. Und je genauer ein Interpret die Struktur eines Werkes durchdringt, desto weniger Emotion kann er transportieren.

Reflektiert oder auch nur ausgesprochen wird diese Scheinlogik selten. Aber sie erklärt, warum die „Zeit“ nach Petrenkos Wahl zum Chef der Berliner Philharmoniker maliziös bemerkte, sein Bayreuther „Ring“ sei „groß, aber auch ein bisschen kalt“. Den Trauermarsch in Wagners „Götterdämmerung“ habe er „so meisterlich ausgehorcht und zerlegt, dass man ihn vor lauter Analyse nicht wiedererkennt“. Und in der „Süddeutschen“ hieß es vor wenigen Tagen, Petrenko habe in den jüngsten Konzert den Eindruck erweckt, er „wolle tatsächlich alles Emotionale mit Stumpf und Stil ausreißen.“

Richtig ist: Petrenko ist ein Deutlichkeitsfanatiker

Was für ein Unsinn. Als wäre die Klarheit der Feind des Gefühls, als kämen die Emotionen nur in der Ursuppe angeschwommen. Richtig ist: Petrenko ist ein Deutlichkeitsfanatiker. Und es stimmt: In Bayreuth hat man oft seinen Ohren nicht trauen wollen. Stellen, die bis dahin fast immer schwerfällig und ein wenig tumb klangen, etwa das lärmige Schmiedelied im „Siegfried“, klangen bei Petrenko aufregend wild – weil man plötzlich die aufgeschreckten Sechzehntel-Triolen in den Oboen hörte, die sonst von den massigen Tonleitern der acht Hörner zugedeckt werden. Wahrnehmbar wurde eine ganze Welt von Details, die normalerweise im pauschalen Klangstrudel untergehen. Dieses Hörerlebnis war alles andere als bloß analytisch: Ein erregendes Gefühl des Neuen, ein beglücktes Staunen, ein emotionaler Ausnahmezustand wurden davon ausgelöst.

Noch stärker ist die Erinnerung an Petrenkos erste „Götterdämmerung“ in München, die ihm noch überwältigender gelang als in der magisch raunenden Akustik des Bayreuther Festspielhauses. Das muss ein Dirigent erst mal können: so präzise und verständlich schlagen, dass sich bei einer hochkomplexen Partitur neue Tempi nicht erst nach einer Sekunde der Unsicherheit einpendeln, sondern blitzartig von hundert Musikern synchron umgesetzt werden. Ein hochauflösender Orchestersound: Mitlesen in der Partitur erübrigt sich. Was die gut fünf Stunden Musik nicht nur höchst kurzweilig machte, sondern auch emotional packend. Wenn sich Steigerungen aus dem Nichts entwickeln und schon unentrinnbar sind, ehe man sich darüber klar geworden ist, was gerade passiert, und wenn man dann in einer Art kollektivem Bewegungsrausch mitgerissen wird von vorwärtstreibenden Energien, dann kann das unmöglich alles bloß kopfgesteuert sein. An guten Abenden, und die sind die Regel, nicht die Ausnahme, bietet Petrenko von beidem mehr als die meisten seiner Kollegen: mehr Klarheit und mehr Emotion, mehr Hirn und mehr Herz. Musik ist kein Nullsummenspiel.

Nicht ganz so gut wie bei Wagner und Strauss, Sibelius und Alban Berg funktioniert das bei älterer Musik, etwa bei Mozart. Petrenkos Münchner „Titus“ gilt vielen als fast schon beruhigender Beleg, dass selbst ihm nicht alles gelingt. Nach der etwas buchstabierten Ouvertüre war aber auch hier eine hochinspirierte Lust am Gestalten spürbar: Jede Phrase wurde zur Geste, jede Note sprach.

Doch Gefühle werden nicht nur von aufregend Neuem geweckt. Noch lieber verbinden sie sich mit Erinnerungen. Genau hier kann bei Petrenko eine gewisse Enttäuschung entstehen: Das Gefühl bleibt bei ihm immer dann hungrig, wenn es am Gewohnten hängt. Petrenko hält es offenbar mit Gustav Mahlers berühmtem Satz: „Was Ihr Theaterleute Eure Tradition nennt, das ist nichts anderes als Eure Bequemlichkeit und Schlamperei!“ Nichts wird so gespielt, wie es immer gespielt wurde. In Bayreuth fühlten sich die Orchestermusiker von seiner peniblen Proberei zunächst regelrecht geknechtet. „Penetrenko“ wurde sein Spitzname. Man meint ja seinen Wagner zu kennen, wenn man im Festspielorchester mitspielt. Doch nicht einmal sich selbst nimmt Petrenko ab, dass er wirklich schon weiß, wie das geht. Noch im dritten Jahr, nachdem sein „Ring“ längst weithin bejubelt worden war, vergrub er sich in Bayreuth erneut in Wagners Handschriften und in die überlieferten Kommentare seiner Assistenten. Vielleicht hatte er doch noch ein Detail übersehen?

Selbst in Anspielproben auf Tourneen wird intensiv gearbeitet. Bei einem Gastspiel mit dem „Rosenkavalier“ in Paris ist er unzufrieden mit einer Stelle, die immer latent unpräzise klingt. Endlich kommt er dem Problem auf die Schliche. „Hören Sie das Fagott?“, fragt er. Kaum spielt dieses eine entscheidende Note etwas markanter, können die übrigen Instrumente pünktlich einsetzen. Und plötzlich weiß auch der Chor, woran er sich orientieren muss. Nach der Aufführung meint eine Chorsängerin, diese Stelle habe immer gewackelt, solange sie sich erinnern könne. Jetzt klappt sie. Ganz offenbar liegt hier der Grund dafür, dass man aus dem Orchester fast ausnahmslos Positives über Petrenko hört: Die penetrante Proberei bringt etwas.

Petrenko misstraut allerdings nicht nur der schlecht verstandenen Tradition, hinter der sich bloß Schlamperei tarnt, sondern auch dem Idiom, der ungeschriebenen Überlieferung. Sein Mahler etwa klingt überraschend direkt und dialektfrei. Petrenko nimmt der Musik alles Pittoreske und verlässt sich ganz auf ihre symphonische Kraft: Das existenziell Menschliche verdrängt das Lokalkolorit.

Ein ungemütlicher Maestro. Sängerinnen, die über Wochen Hauptrollen mit ihm einstudiert haben, erzählen, er habe sich kein einziges Mal persönlich mit ihnen unterhalten. Manchmal, so die wenigen kritischen Stimmen aus dem Orchester, habe er eine allzu fixe Vorstellung, wie es klingen müsse. Dann gebe er den Musikern zu wenig Freiraum. Vielleicht liegt hier Petrenkos Schwäche: In der mangelnden Offenheit für das, was von außen kommt, von den andern, von früher, für all das, was sich seiner Kontrolle entzieht.

Vermutlich weiß Petrenko davon. In seiner Zeit an der Komischen Oper Berlin, als er noch Interviews gab, hat er den seither oft zitierten Satz gesagt: „Ich möchte es allzu gut machen.“ Ist das Koketterie? Sie ist Petrenko nicht fremd. „Ich bin sehr, sehr aufgeregt. Bitte verzeihen Sie mir, wenn vielleicht die Stimme noch ein paarmal wackelt – so, wie die Hand nicht wackeln sollte, wenn man dirigiert.“ Mit diesen Worten stellte er sich im Oktober 2010 in München der Öffentlichkeit als neuer Generalmusikdirektor vor. Mittlerweile weiß das Münchner Publikum, dass Petrenkos Hand nicht wackelt. Und es spürt an jedem Abend, den er dirigiert, dass seine unerbittliche Genauigkeit alles andere ist als Pedanterie. In Rainer Maria Rilkes Roman „Malte Laurids Brigge“ steht ein denkwürdiger Satz: „Er war ein Dichter und haßte das Ungefähre.“ Für Kirill Petrenko ist die Klarheit im Ausdruck das Medium des Gefühls.

Der Autor ist Redaktionsleiter bei BR-Klassik