Kultur

Eine Frau verliert ihre Hose und ihr Mann sein Gesicht

Der Stoff wirkt etwas in die Jahre gekommen. Eine Bürgersfrau, die ihre Unterhose in der Öffentlichkeit verliert, sorgt für Erregung. Der Gatte, ein kleiner Beamter, fürchtet den Skandal, den Verlust von Amt, Ansehen und Existenz. Er macht seiner jungen Frau eine Szene, züchtigt sie und lässt sich mit der Aussicht auf Hammelschlegel wieder besänftigen. Freizügigkeit in der Öffentlichkeit, das war nicht angesagt anno 1911, als Carl Sternheims bürgerliches Lustspiel „Die Hose“ uraufgeführt wurde. Wenn die Anzeichen nicht täuschen, erleben wir eine Wiederkehr der Prüderie: Islamische Moralvorstellungen breiten sich aus, Werbeplakaten mit zweideutigen Botschaften droht ein Verbot, und in China sollen keine Hostessen mehr auf Autoschauen auftreten.

Regisseurin Tina Engel hat die „Die Hose“ jetzt am Renaissance-Theater inszeniert, flott, mit gutem Gespür für die Pointen, ohne aufgepfropfte Aktualisierungen. Spießigkeit und Doppelmoral sind zeitlos. Eva Dessecker hat die zwei Frauen und drei Herren im Stil der Kaiserzeit eingekleidet. Momme Röhrbein schuf ein sich durch Fingerdruck erweiterndes Bühnenbild in Grau.

Klaus Christian Schreiber spielt den Beamten Theobald Maske glücklicherweise nicht als Karikatur. Sondern als einen mit sich selbst und seiner beschränkten Weltsicht zufriedenen Menschen, solange alles seine Ordnung hat. Zwei Zimmer der Wohnung will er vermieten. Die beiden Bewerber interessieren sich lustspielgemäß für die Hausherrin, die – anders als es das Malheur nahelegt – durchaus die Hosen anhat. Bei Christin Nichols Luise schwingt bei aller Naivität auch ein Hauch Emanzipation mit.

Mit ihrem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung klappt es nicht, weil Frank Scarron, bei Guntbert Warns ein geckenhafter Großbürger, eher ein Mann der großen Worte denn der Taten ist. Auf wenig Gegenliebe stößt der andere Mitbewohner: Als Friseur Benjamin Mandelstam lässt Boris Aljinovic sehr fein ein Stück von dem Klischeebbild durchschimmern, dass die Nazis später in ihrer Judenpropaganda entworfen haben. Der deutsche Kleinbürger war ja die Keimzelle des Nationalsozialismus. Anika Mauer spielt die Nachbarin und Kupplerin Gertrud Deuter und lässt dabei auch ein bisschen Marthe Schwerdtlein aus Goethes „Faust“ aufblitzen. Ein starker Auftritt, sie fügt sich in ein bestens aufgelegtes Ensemble ein. Ein gut zweistündiger Theaterabend, der großen Spaß macht.

Renaissance-Theater Knesebeckstr. 100, Charlottenburg. Tel: 312 42 02.
Vorstellungen bis 11. Juni.