Konzert-kritik

Anna Vinnitskajas federndes Gewichtsspiel

Die Solistin meistert gleich drei Bartók-Klavierkonzerte

Wer die Konzerte des Rundfunk-Sinfonieorchesters in den letzten Jahren regelmäßig besucht hat, kam an dieser Pianistin kaum vorbei: Anna Vinnitskaja – Marek Janowskis bevorzugte Solistin, wenn es um virtuose Klavierkonzerte geht. Doch was schätzt der ehemalige RSB-Chefdirigent an der 32-jährigen Russin eigentlich so sehr? Am Sonntagnachmittag, einem Mammut-Nachmittag mit allen drei Bartók-Klavierkonzerten hintereinander, wird das ziemlich deutlich. Denn Anna Vinnitskajas Klavierspiel hat von Beginn an das, was Janowski auch vom RSB einfordert: handwerkliche Präzision und analytische Stringenz, einen streng kontrollierten Gefühlshaushalt zugunsten seriöser Kunstpflege. Und trotzdem: Bartóks erstes, noch stark an Strawinskys und Prokofieffs Expressionismus orientiertes Klavierkonzert kann nicht wirklich überzeugen. Nicht nur, weil die Tempi zwischen Solistin und Orchester nicht optimal aufeinander abgestimmt sind. Es liegt vielmehr daran, dass Anna Vinnitskaja die Brutalität der Partitur kaum ausreizt. Ihr kultiviert federndes Gewichtsspiel führt dazu, dass man selbst im gehämmerten Enfant terrible-Fortissimo niemals das Gefühl bekommt, hier würde Bartók gegen die guten Sitten verstoßen wollen.

Und doch hat dieses federnde Gewichtsspiel auch Vorteile: Es garantiert Anna Vinnitskaja überhaupt erst, alle drei Bartók-Konzerte scheinbar mühelos zu meistern – als würde es sich hier keineswegs um einen ultimativen Kraftakt handeln. Nach dem ersten Klavierkonzert jedenfalls verlässt sie die Bühne so frisch und tatenfroh, dass die folgende viertelstündige Pause eher für Orchester und Publikum gedacht scheint.

Nicht minder virtuos geht es anschließend mit dem Kopfsatz von Bartóks zweitem Klavierkonzert weiter. Es ist ein Werk, das Anna Vinnitskaja bereits vor drei Jahren mit Marek Janowski und dem RSB aufgeführt hat. Und das merkt man sofort. Tempo und Balance wirken stimmig, die Pianistin steigert sich von Satz zu Satz, wird immer animierender, provozierender. Der Höhepunkt: Anna Vinnitskajas Kampf mit der Großen Trommel im Finale.

Zur Freude des Publikums setzen die Musiker im dritten Bartók-Klavierkonzert zu einem weiteren Qualitätssprung an. Und das, obwohl man das Opus zunächst kaum wiedererkennt: frei von aller Nostalgie und Klangsinnlichkeit, stattdessen durchdrungen von neo­klassizistischer Kühle und munterer Diesseitigkeit. Janowski verbannt aus dem zweiten Satz alles vermeintlich Ätherische. Auch wenn man mit dieser radikalen Entzauberung des allerletzten, unvollendet gebliebenen Bartók-Werks nicht unbedingt einverstanden sein muss – es führt zu einem faszinierend neuartigen Klangergebnis. Ebenso faszinierend allerdings: Anna Vinnitskaja, die auch nach diesem dritten Klavierkonzert frisch die Bühne verlässt.