Theater des Westens

„Tanz der Vampire“ kehrt von Jubel umtost nach Berlin zurück

Beim Rockmusical „Tanz der Vampire“ erleben die Besucher einen schaurig-schönen Abend mit bombastischen Melodien.

Mark Seibert und Veronica Appedu als Graf von Krolock und als Sarah

Mark Seibert und Veronica Appedu als Graf von Krolock und als Sarah

Foto: Sophia Kembowski / dpa

Nicht, dass man sich am New Yorker Broadway, der Wiege des Musicals, nicht auch schon an Vampirthemen versucht hätte. Da gab es etwa Elton Johns Musical „Lestat“ nach dem Roman „Interview mit einem Vampir“ von Anne Rice. Oder Frank Wildhorns „Dracula“, das auf Bram Stokers Buchklassiker basierte. Sie floppten allesamt. Denn offenbar bleibt der Vampir ein zutiefst europäischer Vertreter des Gruselgenres. Daran mag es liegen, dass das Rockmusical „Tanz der Vampire“ von Michael Kunze (Texte) und Jim Steinman (Musik) ein so durchschlagender Erfolg geworden ist. In Europa.

Das Stück, das auf Roman Polanskis Film „Tanz der Vampire“, im Original „The Fearless Vampire Killers“, von 1967 basiert, erlebte unter Polanskis Regie 1997 seine Bühnentaufe am Wiener Raimund Theater und gilt inzwischen als eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Musicalproduktionen mit bisher mehr als 7,5 Millionen Besuchern in zwölf Ländern. Schon zweimal konnte man sich von der Qualität dieses komödiantisch-romantischen Gruselspaßes auch in Berlin überzeugen. Doch aller guten Dinge sind drei: Am Sonntagabend erlebte „Tanz der Vampire“ mit einer Gala-Premiere im Theater des Westens und neuer Besetzung seine umjubelte Rückkehr nach Berlin.

„Tanz der Vampire“ ist ein Musical von internationalem Format mit allem, was solch eine Bühnenshow braucht. Es schwelgt in breitflächigen Choreografien (Dennis Callahan). Es überwältig mit imposanten Bühnenbildern (William Dudley). Es macht Staunen mit irrwitzigen Kostümen (Sue Blane). Es setzt ebenso auf große Gefühle wie auf burleske Komik. Es ist ein auf sympathische Weise altmodisches Schauermärchen, das von der rockig-bombastischen Musik von Jim Steinman angetrieben wird.

Der schusselige Professor Abronsius aus Königsberg (Victor Petersen) und sein schüchternes Helferlein Alfred (Tom van der Ven) haben sich nach Transsylvanien aufgemacht, um Vampire zu jagen. Sie landen in der abgelegenen Karpatenschänke von Kneipenwirt Chagal (Nicolas Tenerani). Alfred verguckt sich prompt in die schöne Wirtstochter Sarah (Veronica Appeddu). Doch unweit von Chagalls Kaschemme erhebt sich drohend das düstere Schloss des Vampir-Grafen von Krolock (Mark Seibert), der ebenfalls hinter Chagalls Tochter her ist.

Während der ganze erste Akt in der zugeschneiten und mit Knoblauch behängten Dorfkneipe spielt, wandelt sich das Bild im zweiten Teil zum imponierend düsteren Karpatenschloss. Da tanzen ihren Gräbern entstiegene Vampire in „Thriller“-Manier oder scheinen in alptraumhaften Choreografien in Lack und Leder einem Anne-Rice-Roman entstiegen. Der Graf selbst erweist sich als tragische Figur, ein an sich selbst Leidender, der sich nach Liebe und irdischem Leben sehnt. Denn Unsterblichkeit, so wissen er und seine blutgierige Gefolgschaft, bedeutet vor allem eines: Langeweile für die Ewigkeit.

Musikalisch klingt „Tanz der Vampire“ höchst vertraut. Denn Komponist Jim Steinman zitiert sich am liebsten selbst. Er nutzt Teile seines Soundtracks zum Film „Straßen in Flammen“. Er plündert seinen eigenen Musicalfundus. Und vieles, was man aus seiner Zusammenarbeit mit Rocksänger Meat Loaf kennt, findet sich in „Tanz der Vampire“. So ist die große Vampir-Ballade „Unstillbare Gier“ die Bearbeitung von „Objects in the rear view mirror may appear closer than they are“ von Meat Loaf. Und das immer wiederkehrende Thema „Totale Finsternis“ basiert auf dem Hit „Total Eclipse of the Heart“, den Steinman 1983 für Bonnie Tyler geschrieben hat. Wie Steinman all diese gestrigen Versatzstücke aus Pop und Pomp, Oper und Operette, Rock und Disco zu einem Ganzen verwoben hat, ist bewundernswert.

Das große Ensemble macht seine Sache erstklassig. Und mit dem stimmstarken Mark Seibert als Graf und der stilsicheren Veronica Appeddu als Sarah hat Berlin ein neues Musical-Traumpaar, das das Publikum schnell auf seine Seite zieht. Zuletzt war „Tanz der Vampire“ in einer französischen Version im Pariser Theatre Mogador zu sehen. Es mag Zufall sein, dass der Musical-Konzern Stage Entertainment gerade jetzt diesen Blutsauger-Mythos, der gern auch mal auf internationale Finanzinvestoren angewandt wird, wieder zurück auf deutsche Bühnen bringt.

Denn seit der neue Mehrheitseigner CVC Capital Partners, ein Investor aus Luxemburg, im Sommer vergangenen Jahres einen Anteil von 60 Prozent an dem Stage-Theaterunternehmen von Joop van den Ende übernommen hat, regieren die kühlen Rechner. Jede der zahlreichen Produktionen des Hauses kommt auf den Prüfstand. So wird das Stage Theater am Potsdamer Platz, in dem noch das Lindenberg-Musical „Hinterm Horizont“ läuft, zum Jahresende aufgegeben. Und auch die 2003 gegründete Musicalschule Joop van den Ende Academy in Hamburg, eine Herzensangelegenheit van den Endes, wurde in diesem Frühjahr geschlossen. Wie es um die Stage-Theater in Oberhausen, Hamburg und Stuttgart steht, wird die Zukunft weisen.

Am Stage Theater des Westens wird es vorerst keine Langzeitproduktionen mehr geben. So ist „Tanz der Vampire“ nur bis zum 25. September auf dem Spielplan und wird dann abgelöst vom Whoopi-Goldberg-Musical „Sister Act“. Immerhin konnte man an der Kantstraße für die Vampire einen Rekord verbuchen: Mehr als 50.000 Karten wurden bereits im Vorfeld verkauft. Was für die Beliebtheit dieses energiegeladen inszenierten und technisch ausgefeilten Stückes spricht. Gleich mehrfach konnten die Darsteller vom lang anhaltenden Premierenjubel umarmen lassen. Ein schaurig-schöner Theaterabend.