Kultur

Wenn Götter mit der Liebe spielen

René Jacobs bringt eine unbekannte Barockoper ins Schiller Theater: Agostino Steffanis „Amor vien dal destino“

Ja, die neue Entdeckung des Alte-Musik-Stars René Jacobs an der Staatsoper im Schiller Theater dauert geschlagene dreieinhalb Stunden. Eine echte Barockoper eben, eine Opera seria, und das sogar mit Kürzungen. Agostino Steffanis „Amor vien dal destino“, seit 300 Jahren nicht gespielt und nun erstmals von der Akademie für Alte Musik stringent und klanglich vielfältig präsentiert, ist ein langes, aber kurzweiliges Stück.

Dafür sorgt nicht zuletzt die Regie von Ingo Kerkhof, der es schafft, eine geschickt platzierte dramaturgische Klammer um das aus einem Seitenstrang von Homers Ilias gewonnene Drama zu legen. Zunächst einmal ist dies in einer Opera seria keine Selbstverständlichkeit. Bei der Uraufführung 1709 in Düsseldorf wird das adelige Publikum in der Vorstellung gegessen, getrunken, gequatscht haben. Das Genre zu dieser Konsumhaltung ist die Barockoper – und die ist gewiss kein dichter Hitchcock-Thriller. Dennoch gibt es in diesem nach starren ästhetischen Regeln abschnurrenden Genre und gerade bei dem zu Unrecht vergessenen Händel-Vorläufer Agostino Steffani Aspekte, die so schlüssig und zeitlos sind, dass sie sich hervorragend in eine moderne Operndramaturgie verwandeln lassen. Da sind die Götter, die in einem Prolog entscheiden, dass sie den ehemaligen trojanischen Helden Aeneas (hier: Enea) mit seinem Schiff vor der italienischen Küste nicht kentern lassen, sondern ihm die Möglichkeit geben, zu heiraten und Italien zu gründen.

Schauspieler in barocken Kostümen sieht man zunächst, die sich dann eine Lockenpracht auf den Kopf stülpen, die halb nach Wolke, halb nach Hofperücke aussieht. Das Papierschiff ihres Schützlings lassen die Götter über einen flachgelegten Spiegel gleiten, machen ein bisschen Wind, entscheiden im Labor über Wohl und Wehe des Menschleins auf dem Mittelmeer.

Wenige Minuten später sind die Götter in Menschen verwandelt und spielen die Personen des Dramas: Neben dem Koloraturen wie Blitze um sich werfenden Jeremy Ovenden als Enea fällt hier stimmlich vor allem Olivia Vermeulen auf. Der Figur des kriegerischen Turno, Eneas Konkurrenten um die Gunst der latinischen Königstochter Lavinia (ein höchst zarter Mezzosopran: Katarina Bradić), leiht sie einen Sopran von betörend abgerundeten Timbre, dramatischer Wucht und doch Leichtigkeit in der Führung.

Regisseur Ingo Kerkhof setzt auf die Spielfreude der Sänger, geht ansonsten mit den Konventionen der Opera seria sorgsam um, denn zu sprengen sind sie nicht – schon gar nicht in einem Prachtexemplar dieses Genres wie der Ausgrabung „Amor vien dal destino“, welche die langatmigen Nöte und Wirren zweier verschränkter Liebesgeschichten ins Zentrum stellt.

Den Gott Amor, der in solchen Opern fast in jedem zweiten Satz besungen wird, lässt Kerkhof in einer stummen Rolle (großartig empfindsam und tollpatschig: Konstantin Bühler) auf die Bühne kommen und ihn auch das Setting entwerfen.

Die Personen, die sich in die Liebeswirren hineinbegeben, werden hier von einem Bühnenvorhang umzingelt, der aber eine harte, glatte Wand ist: Man kommt nicht hinaus, und gegen die Wand zu rennen, tut weh. Wer zurückprallt, befindet sich wieder im goldgelben Getreidegestrüpp der Gefühle, welches Amor wachsen und am Ende die Bühne unentwirrbar überfluten lässt. Eine klug ausgedachte Klammer, die die eigentlich uninteressanten Liebesnöte barocker Adeliger zu etwas Allgemein-Menschlichen für uns Heutige umzuformen und zusammenzufassen weiß.

Staatsoper im Schiller Theater, Bismarckstr. 110. Vorstellungen wieder am 27., 30. April, 19 Uhr