Renaissace-Theater

"Die Hose" ist etwas in die Jahre gekommen

Freizügigkeit in der Öffentlichkeit, das war 1911 nicht angesagt. "Die Hose" ist zwar betagt, der Theaterabend macht trotzdem Spaß.

Der Stoff wirkt etwas in die Jahre gekommen. Eine Bürgersfrau, die ihre Unterhose in der Öffentlichkeit verliert, den lüsternden Männern also einen Augenblick freie Sicht aufs unbedeckte Knie gewährt, sorgt für eine Erregung. Der Gatte, ein kleiner Beamter, fürchtet den Skandal, den Verlust von Amt, Ansehen und der Existenz. Er macht seiner jungen Frau eine Szene, züchtigt sie und lässt sich schließlich mit der Aussicht auf Hammelschlegel mit grünen Bohnen wieder besänftigen.

Freizügigkeit in der Öffentlichkeit, das war nicht angesagt, anno 1911, in dem Jahr, in dem Carl Sternheims bürgerliches Lustspiel "Die Hose" in München uraufgeführt wurde. Wenn die Anzeichen nicht täuschen, erleben wir eine Wiederkehr der Prüderie: Islamische Moralvorstellungen breiten sich aus, Werbeplakaten mit zweideutigen Botschaften droht ein Verbot, ein Arschgeweih gilt schon länger als Inbegriff des Prolligen und in China sollen keine Hostessen mehr auf Autoschauen auftreten.

Regisseurin Tina Engel hat die "Die Hose" jetzt am Renaissance-Theater inszeniert, flott, mit gutem Gespür für die Pointen, ohne aufgepfropfte Aktualisierungen. In der Entstehungszeit belässt sie das Stück, von dem Franz Blei seinerzeit in der Zeitschrift "Schaubühne" schrieb: "Man wird Die Hose in hundert Jahren die spirituellste Komödie unserer Zeit nennen". Spießigkeit und Doppelmoral sind zeitlos.

Eva Dessecker hat die zwei Frauen und drei Herren, die Figur des Fremden ist gestrichen, auf der Bühne im Stil des beginnenden 20. Jahrhunderts, der Kaiserzeit, eingekleidet. Momme Röhrbein schuf ein sich durch Fingerdruck erweiterndes Bühnenbild in Grau, mit farbigen Einsprengsel an den Türen.

Klaus Christian Schreiber spielt den Beamten Theobald Maske glücklicherweise nicht als Karikatur. Sondern als einen bauernschlauen, mit sich selbst und seiner beschränkten Weltsicht zufriedenen Menschen, solange alles seine Ordnung und Struktur hat. Zwei Zimmer der Wohnung will er vermieten, damit der finanzielle Rahmen steht, um seiner Luise ein Kind schenken zu können.

Die beiden Bewerber interessieren sich lustspielgemäß für die attraktive Hausherrin, die - anders als es das Malheur nahelegt - durchaus die Hosen anhat. Sie weiß, wie sie mit ihrem Mann umzugehen hat, bei Christin Nichols Luise schwingt bei aller Naivität auch ein Hauch Emanzipation mit.

Mit ihrem Recht auf sexuelle Selbstbestimmung klappt es nicht, weil Frank Scarron, bei Guntbert Warns ein geckenhafter Großbürger, eher ein Mann der großen Worte denn der Taten ist. Auf wenig Gegenliebe stößt der andere Mitbewohner, der wagnerliebende Friseur Benjamin Mandelstam. In dieser Rolle lässt Boris Aljinovic sehr fein ein Stück von dem Klischeebbild durchschimmern, dass die Nazis später in ihrer Judenpropaganda entworfen haben. Der deutsche Kleinbürger war ja die Keimzelle des Nationalsozialismus.

Anika Mauer spielt die Nachbarin und Kupplerin Gertrud Deuter und lässt dabei auch ein bisschen Marthe Schwerdtlein aus Goethes "Faust" aufblitzen. Ein starker Auftritt, sie fügt sich in ein bestens aufgelegtes Ensemble ein. Ein gut zweistündiger Theaterabend, der großen Spaß macht.

Renaissace-Theater, Knesebeckstraße 100, Charlottenburg. Karten: 030/312 42 02. Vorstellungen bis 11. Juni