Kultur

Die Welt hat ihren Prinzen verloren

Mit 57 Jahren ist Prince gestorben. Der vielseitige Musiker hat Pop, Funk und R&B revolutioniert

Mitte Mai 1987 spielte Prince in der Deutschlandhalle in Berlin. Zwei Tage hindurch war er in der Stadt, es war seine große Zeit, als er mit seiner Tournee „Sign ‘O’ the Times“ durch die Welt zog. „When doves cry“, „Purple Rain“ und „1999“ waren damals die letzten drei Lieder, allesamt Welthits, bevor er die Zugaben gab.

Von irgendwo hörte man, dass noch ein weiterer Auftritt folgen würde. Es hieß, es sollte im „Quasimodo“ sein, aber sicher war das nicht, und so war dann der kleine Klub nahe dem Bahnhof Zoo zwar gut besucht, aber nicht brechend voll. Es war vielleicht 2 Uhr in der Nacht, aber es kann auch später gewesen sein, als auf einmal einige sehr kräftige Männer an den auf den Barhocker sitzenden Besuchern vorbeizogen und dann auf einmal ein doch recht kleiner Mann auf Augenhöhe erschien. Prince war tatsächlich gekommen.

Er begab sich auf die Bühne, die Show konnte beginnen. Prince war wie angedeutet schon damals ein Superstar. Und während er vor dem Parkett und ohne Absperrung im wahrsten Sinne des Wortes zum Greifen nahe war, wusste der Zuschauer, dass man einem, zumindest für sich selber, historischen Konzert beiwohnen würde. Das Unvergessliche an dem Auftritt war, dass alles so selbstverständlich erschien. Hier der quirlige Mann, dort das tanzende Publikum. Man brauchte nicht viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, dass es am Anfang genauso gewesen sein musste, als seine Musikkarriere gestartet war, die 1978 mit seinem Debütalbum „For You“ begonnen hatte.

Er stand für das Experimentelle, das Glamouröse, das Verruchte

Bei seinem Gig in Berlin spielte er wenig eigene Lieder, wenn die Erinnerung nicht täuscht, es waren Coverversion von Funk- und Jazzliedern, und es war unklar, wer hier länger durchhalten würde. Es war auf jeden Fall ein langes Konzert und als es vorüber war, war in Berlin schon wieder die Sonne aufgegangen. Man ging beeindruckt auf die Straße, ein bisschen von sich selber, aber vor allem natürlich von Prince. Wie konditionsstark muss er sein, dass er innerhalb kurzer Zeit zwei Auftritte absolviert? Und warum macht er das überhaupt, sich nachts in einen kleinen Klub in Berlin stellen? Am Geld kann es nicht gelegen haben. Es war wohl Liebe. Die Liebe zur Musik, die Liebe am Auftritt, vielleicht auch, das als romantischer Vorschlag, wollte er einfach die Menschen und nicht eine Masse sehen, die sich für ihn begeistern, fernab der Stadien.

In den 80er-Jahren, wenn man die Pop-Geschichte sehr grob zusammenfassen möchte, gab es drei absolute Popstars: Madonna, Michael Jackson, Prince. Und weil die Zeit und die Jugend Bekenntnisse erforderte, konnte man nur eins sein: entweder ein Fan von Prince oder Michael Jackson, Madonna ging wohl für alle. Prince stand für das Experimentelle, das Glamouröse und – das war nicht zu übersehen und zu übersehen – für das Verruchte, das Sexuelle, das Anstößige, das Provokative. Er, der Sohn des schwarzen Jazzmusikers John L. Nelson und der weißen Sängerin Mattie Shaw, vereinte Musiktraditionen, die eigentlich als nicht kompatibel galten. Er war auf eine interessante Weise ein Unikat, das zwar keine nennenswerten Epigonen hatte, doch für die Musik des Pops, des Funks des R&B neue Maßstäbe setzte – und auch mit seinen Shows die Darstellung des Pops grundlegend veränderte.

Er machte die Bühne zu einem tanzenden Ballsaal, er liebte die bombastischen, bunten Auftritte, bei der Zuschauer nie so recht wusste, wohin er jetzt zuerst seinen Blick lenken sollte. Sheila E. trommelte und gab Prince den Takt war. Sie war sein kongenialer Partner, und sie war sich dessen auch sehr bewusst: „Man darf nicht vergessen, dass ich schon lange Musik gemacht habe, bevor ich Prince kennenlernte. Wir arbeiteten gleichberechtigt zusammen.“

Prince hatte ein gutes Textgespür, er zeigte, dass tanzbare Songs nicht automatisch mit belanglosem Inhalt gefüllt werden muss. „You don’t have to wach Dynasty to have an attitude“ sang er in „Kiss“. Die melancholische Zeile „Dearly beloved, we are gathered here today to get through this thing called life“ hieß es in „Let’s go crazy“.

Ende der 80er-Jahre bekam seine Karriere eine seltsame Wendung. Es gab einen Streit zwischen dem Künstler und seiner Plattenfirma, der anfangs erschien, als sei er nur ein Marketinggag, um mehr Aufmerksamkeit zu erhalten. Doch der Konflikt mit Warner Music eskalierte, und Prince wollte nicht mehr Prince genannt werden, sondern nach einem nicht aussprechbaren Zeichen. Damit es auch eindeutig für die Öffentlichkeit ist, dass er ausgebeutet wird, trat er 1993 mit der Aufschrift „Slave“ auf der Wange auf. Um den Fall noch unverständlicher zu machen, einigten sich Prince und Warner 2014 und kündigten eine „neue Partnerschaft“ an.

Zu dem Zeitpunkt war er schon längst ein Mann, der Pop-Geschichte geschrieben hat. Obwohl er immer noch fleißig produzierte und eigentlich nie richtig weg war, galten doch viele Alben immer wieder aufs Neue als ein Comeback. Fair war das nicht. Mit dem Beginn der Nuller-Jahre war er fern jeder Schaffenskrise: „Rainbow children“, „Planet Earth“ oder auch „Art Official Age“ – sein 37. Studioalbum aus dem Jahr 2014 – waren zwar nicht wegweisend, aber ambitioniert und fortschrittlich. Er hatte bereits zuvor die Musikwelt einmal verändert.

Anfang des Jahres trat er in Minnesota auf. Keine große Band, keine Tanzeinlage, keine E-Gitarre. „Piano & a Microphone“ hieß die Show, und genauso war es dann auch. Ein Klavier. Ein Mikrofon. Und Prince. Das Konzert fand im Paisley Park, seinem Anwesen, statt. Dort ist er am Donnerstagmorgen (Ortszeit) mit 57 Jahren gestorben. Eine Todesursache ist nicht bekannt. Vor wenigen Tagen war der Musiker im Krankenhaus gewesen, nachdem sich sein Zustand nach einer Grippe verschlechtert hatte. „Prince kann nicht sterben“, twitterte der Rapper Ice-T. Es kann auch nicht wahr sein.