Kultur

„Er war immer seiner Zeit voraus“

Das Konzerthaus beginnt eine Hommage an Yehudi Menuhin. Familie und Vertraute treffen sich

Im Konzerthaus beginnt eine zehntägige Hommage an Yehudi Menuhin. Zum 100. Geburtstag des Geigers und Dirigenten spielt am Freitag das Konzerthausorchester unter Ivan Fischer. Es soll ein Ständchen mit Familie und Vertrauten werden. Gastgeber Fischer, der Menuhin einst als Ersten Gastdirigenten nach Budapest verpflichtet hatte, empfängt im heutigen Konzert als Geigensolisten den früheren Meisterschüler Daniel Hope. Nach Berlin angereist ist auch Zamira Menuhin-Benthall, Menuhins Tochter. Es ist ein vertrautes Gespräch, das nach einer Probe im Dirigentenzimmer stattfindet.

Berliner Morgenpost: Geiger und Dirigenten wirken, im Gegensatz etwa zu Komponisten oder Romanautoren, für den Augenblick und nicht für die Nachwelt. Warum sollen wir einen Interpreten wie Yehudi Menuhin ehren?

Iván Fischer: Er gehört zu den ganz besonderen musikalischen Persönlichkeiten, bei denen ein geniales Talent mit viel Menschlichkeit zusammenkommt. Künstler wie Yehudi Menuhin sind wegweisend für uns alle. Es gibt noch zwei, drei andere wie Pablo Casals oder Artur Rubinstein, aber Menuhin war der ganz Große.

Frau Menuhin-Benthall, Sie sind die Tochter, Herr Hope, Sie sind als Geiger ein Ziehsohn.

Zamira Menuhin-Benthall: Er ist eher sein Ziehenkel.

Wo wird denn der Weltbürger Menuhin jetzt am meisten geehrt?

Daniel Hope: In Deutschland wird er auf jeden Fall gefeiert, gerade auch in Berlin. Die Stadt hat so viel für ihn bedeutet. Hier hatte er bereits als 12-Jähriger einen Riesenerfolg, als er an einem Abend gleich drei Konzerte spielte. Bereits 1947 ist er als erster jüdischer Künstler wieder mit den Philharmonikern aufgetreten, kurz nach dem Mauerfall hat er hier im Haus dirigiert. Und nicht zuletzt ist er 1999 in Berlin gestorben.

Wie war Menuhin als Lehrer?

Hope: Er war eine großväterliche Figur, immer sehr herzlich. Als ich dann langsam mitbekam, was für ein großer Mann er war, habe ich natürlich Respekt bekommen.

Sie nannten ihn lange Houdini, weil Sie Yehudi nicht aussprechen konnten?

Hope: Das stimmt. Ich habe ihn immer Houdini genannt und irgendwann liebte er das. Aber irgendwie war er auch ein Entfesselungskünstler. Wenn man mit ihm reiste, musste man immer aufpassen, weil er so schnell weg war.

In jedem großen Mann steckt ein Junge?

Menuhin-Benthall: Er war immer sehr neugierig, vor allem aber loyal. Er setzte sich für Schutzbedürftige ein.

Es wird behauptet, dass es ausgerechnet in der Menuhin-Familie rechtsnationalen Ungeist gibt – bis hin zur Holocaustverleugnung und Hitlerverehrung.

Menuhin-Benthall: Leider muss ich das zugeben. Es handelt sich um meinen Halbbruder Gerard, mit dem ich seit 30 Jahren kaum Kontakt habe. Ich habe das lange nicht gewusst. Aber er hat ein scheußliches Buch geschrieben. Er ist die Scham der Familie.

Wo stand denn Yehudi Menuhin politisch?

Menuhin-Benthall: Zum Ende seines Lebens hin wurde er etwas politischer, weil er ein Lord in England wurde. Aber eigentlich war er kein politischer Mensch. Er war gegen Bürokratie, gegen das Establishment.

Hope: Wir waren einmal in Hamburg Ende der 90er-Jahre und fuhren vom Flughafen in die Stadt zur Pressekonferenz. Zu dem Zeitpunkt hingen an der Straße Plakate einer rechtsextremen Partei. Das standen Parolen wie „Ausländer raus!“ drauf. Er ist auf der Pressekonferenz explodiert. Das sei eine Schande, sagte er. Auch er sei Ausländer, ob er jetzt rausmüsse?

Menuhin-Benthall: Er war Antifaschist und auch Antikommunist. Er hat sich für Einwanderer, für Flüchtlinge eingesetzt.

Hope: Ja, er wäre heute einer der ersten gewesen, die am Bahnhof die Flüchtlinge begrüßt hätte. In den 90er-Jahren hatte er einmal einen Auftritt bei „Wetten dass..?“. Es gab immer diese Wetten, bei der die prominenten Paten ansagen mussten, was sie tun würden, wenn sie verlieren. Menuhin antwortete, er würde eine Zeit lang in einem Obdachlosenheim arbeiten und die Suppe austeilen. Die Runde war sprachlos, Thomas Gottschalk fragte sogar noch einmal nach, ob er das ernst meine?

Er war ein Mann des 20. Jahrhunderts, musste sich auseinandersetzen mit Weltkriegen, dem Holocaust, dem Kalten Krieg und dem Zusammenbruch des Sozialismus. Wie hat sich das alles auf sein Wirken ausgewirkt?

Menuhin-Benthall: Er war eben mehr als ein Musiker. Seine Organisation Live Music Now ermöglicht Konzerte in sozialen Einrichtungen. Er hat eine eigene Schule in England sowie die Menuhin Competition gegründet. Und er hat frühzeitig Yoga vertreten.

Hope: Er war ein Visionär in allem, was er gemacht hat. Immer seiner Zeit voraus.

Frau Menuhin-Benthall, hatte er denn trotzdem genug Zeit für seine Tochter?

Menuhin-Benthall: Wir wussten, wer er war. Wir wussten, dass er uns lieb hatte. Wir sind möglichst viel auf seine Ideen eingegangen, um bei ihm zu sein. Ich habe viel von ihm gehabt.

Die Menuhin-Geschichte ist weitgehend an die Berliner Philharmoniker gebunden, im Konzerthaus war er 1989 und nur noch dreimal in den 90er-Jahren. Warum widmet das Haus ihm jetzt so eine große Hommage?

Fischer: Das ist unsere Reihe für die größten Persönlichkeiten der Musikgeschichte. Wir fühlen uns persönlich mit Menuhin verbunden. Wir haben nicht darüber nachgedacht, was die anderen machen wollen. Wir empfinden es als unsere moralische Verpflichtung, ihn zu ehren.