Klassik-Kritik

Ein finsterer Bösewicht singt mit Engelsstimme

Philippe Jaroussky gastiert mit einem Scarlatti-Oratorium

Manchmal ist er es leid, auf seine „Engelsstimme“ reduziert zu werden. Dann bekommt Philippe Jaroussky Lust auf eine gehörige Portion Dramatik. Eine Rolle wie die „Schuld“ in Alessandro Scarlattis „Oratorio per la Passione di Nostro Signore Gesù Cristo“ kommt ihm da gerade recht. In dem typisch barocken allegorischen Wettstreit zwischen Schuld, Reue und Gnade ist die Schuld natürlich der finstere Bösewicht, der mit Selbstherrlichkeit und Häme seine fiesen Trümpfe ausspielt, bevor er sich am Ende doch bekehren lässt. Der weltberühmte Countertenor zeigt in der Partie im Konzerthaus seine enorme Wandlungsfähigkeit.

Alessandro Scarlatti (1685–1757) gilt als Oberhaupt der neapolitanischen Opernschule, Erneuerer des Barock und Erfinder der Sinfonie. Auch für Philippe Jaroussky hat er einen besonderen Stellenwert. Mit Scarlattis Oratorium „Sedecia“ hat seine steile Karriere 1999 begonnen. Wenn er nun wieder mit einem Scarlatti-Oratorium auf Tournee geht, ist das für ihn eine Herzensangelegenheit. Aber nicht nur die Sänger kehren ihr Innerstes nach außen, auch das Barockorchester Les Folies Francoises hat schneidende Dissonanzen und kühne Modulationen zu spielen. Das Ensemble unter der Leitung seines Gründers Patrick Cohen-Akenine hat sich bisher vor allem mit französischer Musik einen Namen gemacht. Es musiziert transparent und umsichtig, legt den Sängern weiche Klangteppiche zu Füßen. Die Geigen schmiegen sich sanft an die Gesangsmelodien an. Ein bisschen mehr italienisches Temperament hätte man sich bei Scarlatti aber doch gewünscht.

Es gab Aufführungen dieses Oratoriums, in denen Schuld und Gnade von Frauen und die tiefer liegende Stimme der Reue von einem Mann gesungen wurden. Diesmal ist es genau umgekehrt. Zwei Countertenöre singen Sopran und Mezzosopran, während die tiefe Altstimme von einer Frau kommt. Die Konstellation irritiert, auch wenn man an die hellen Männerstimmen inzwischen gewöhnt ist. Sie unterstreicht aber wirkungsvoll, dass es sich bei den Charakteren nicht um Menschen, sondern allegorische Figuren handelt.

Philippe Jaroussky hat hier keine 20 Zentimeter langen Notengirlanden zu singen, kann aber die ganze Kraft seiner Persönlichkeit einbringen. Der deutsch-rumänische Countertenor Valer Sabadus strahlt hell in derselben Mühelosigkeit. Seine Stimme hat noch nicht so viel Körper und Charakter, aber eine Leuchtkraft und jugendliche Frische, die ihn zu den großen Nachwuchshoffnungen macht. Die Italienerin Sonia Prina schlägt den dunklen, herben Klageton effektvoll an. Jaroussky als Artist-in-Residence ist ein wahrer Glücksgriff fürs Konzerthaus. Der Weltstar macht ein Montagskonzert mit einem unbekannten Werk zu einem ausverkauften Ereignis mit einem feierlustigen, ausgelassen jubelnden Publikum.