Kultur

Flucht, Trauer und Hoffnung

Die Berliner Pianistin Elena Bashkirova eröffnet im Jüdischen Museum ihr Kammermusikfestival „Intonations“

Das Jerusalem International Chamber Music Festival hat unter dem Namen "Intonations" seit fünf Jahren einen Außenposten im Jüdischen Museum Berlin und vereinigt erstklassige Kammermusikbesetzungen. Das diesjährige Programm, das bis zum 21. April läuft, widmet sich Komponisten, welche aus unterschiedlichen Gründen emigriert waren. Auch wenn das Thema Emigration im Eröffnungskonzert im engeren Sinne nur ein Werk von Prokofjew betrifft, ziehen doch deutliche emotionale Fäden durch das Programm. Yinam Leefs uraufgeführtes Stück "Yearning" ("K'mihah") für Klarinette und Streichquartett drückt weniger Sehnsucht als innere Qual aus. Die unstabilen Harmonien und eckigen Melodien des aus Jerusalem stammenden Komponisten hören sich wie ein Stückchen Zeitgeist an.

Zu Beginn scheint der zarte, anhaltende Ton der Klarinette (Chen Halevi) eine Antwort zu suchen, wird dann emphatisch, während die Streicher immer wieder mit hoffnungsloser Trauer darauf erwidern. Als die Klarinette große melodische Sprünge macht, wird sie von verzweifelten Ausbrüchen im Quartett umrahmt. Das Instrument sucht einen Ausweg, darf allein singen, bevor das Ganze wieder in einer verunsicherten Dissonanz versinkt.

Nachdem die Klarinette explosive Motive im ganzen Ensemble auslöst, entstehen endlich produktive Dialoge etwa mit der Bratsche (Gerhard Caussé). Spannend ist das fragile, melancholische Quintett nach Schostakowitschs Klaviertrio Nr. 2. Das Werk verströmt nicht nur Trauer, sondern Wut und sardonische Satire. Festivalleiterin Elena Bashkirova lenkt souverän vom Klavier aus. So fiebrig ist die Stimmung im ersten Satz, dass der Geiger Sergej Krylow fast von seinem Sessel aufspringt.

Dem folgenden Allegro verleiht Krylow einen genau anmessen rohen Ton. Alle Instrumente scheinen vor etwas zu fliehen. Im letzten Satz setzt der Komponist eine jüdische Melodie um: erst auf der Geige gezupft, am Ende als gespenstiges Fragment. In dieser Aufführung scheint die Musik aus allen Nähten zu platzen. Die Geige weint, das Klavier hält ein Plädoyer und das Cello (Alexander Knyazev) kann das alles nicht mehr aushalten.

Prokofjews Overtüre über hebräische Themen op. 34 wurde ein Jahr nach seiner Ankunft in den USA von einem russisch-jüdischen Sextett beauftragt. Beim Berliner Festival fällt jetzt Chen Halevis zartes Klarinettenspiel auf, aber ebenso gefallen der ausdrucksvolle Ton Krylows und die perlenartigen Töne Bashkirovas. Offene Harmonien lassen die amerikanische Landschaft vorm inneren Auge aufscheinen, aber die nostalgische Seite des Komponisten ist nicht fern.

Im früheren Liederzyklus Prokofjews nach fünf Gedichten von Anna Akhmatowa ist Sopranistin Anna Samuil am stärksten, wenn sie ihre opernhafte Stimme in einem intimen Ton führt. Im dritten Lied "Erinnerung an die Sonne" ist sie rachsüchtig, dann träumerisch, verkörpert die unglücklich verliebte Figur mit subtilen theatralischen Gesten.

Der Abend endet in einer hinreißend optimistischen Stimmung mit Dvořáks Klavierquartett Nr. 2. Die Interpretation ist feurig und einheitlich vom Anfang bis zum Ende. Geigerin Mihaela Martin leitet mit warmem, romantischen Ton, am Klavier ist Sunwook Kim erstklassig, Knyazevs Cello-Solo im langsamen Satz schmelzend schön. Das Publikum ist begeistert. Seite 24

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