Kultur

Jugendbeichte durch ein Nudelsieb

Frank Witzels dickleibiger Schmöker „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion ...“ als Bühnenadaption in der Schaubühne

In Jeans zu schlafen, konnte in den 50er-Jahren Sünde sein. In einer Szene von „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ sitzt die namenlose Hauptfigur an einem durch ein Nudelsieb stilisierten Beichtfenster und bekennt diese Sünde und andere Banalitäten. Der Pater findet das alles sehr schlimm und isst dabei Würstchen. Dank Close-up des Live­videos kann der Zuschauer die Krümel auf der Soutane bestens mitverfolgen, während sich der beichtende Teenager immer weiter in den Wahn der Sündhaftigkeit steigert. Die Entfremdung zwischen den Generationen ist perfekt.

Mit einer breiten Auswahl an Erzählmitteln hat sich Regisseur Armin Petras für die Schaubühne an einen der großen Bucherfolge des letzen Jahres gemacht. Dafür erhielt Autor Frank Witzel im Herbst den Deutschen Buchpreis. Der Roman folgt, ohne erzählerisch stringent sein zu wollen, den Eindrücken und Erlebnissen eines psychisch kranken Jugendlichen zwischen Jugendkultur, Elternhaus und Politik. Ihre Wahl begründete die Buchpreisjury auch mit dem „formalen Wagemut“ des Autors, der in seinem 800-Seiten-Konvolut dem Leser alles vom philosophischen Traktat bis zum Gesprächsprotokoll serviert.

Ein solch opulentes Werk auf die Bühne zu bringen, ist nicht leicht. Dass Armin Petras die Herausforderung annimmt, überrascht nicht: In seinen sieben Jahren als Intendant des Maxim Gorki Theaters adaptierte der Regisseur zahlreiche Romane für die Bühne wie „Anna Karenina“ und „Die Wohlgesinnten“ und versuchte sich auch an Filmvorlagen wie Fatih Akins „Gegen die Wand“. Inzwischen leitet Petras das Staatstheater Stuttgart, war im Januar aber bereits an der Berliner Schaubühne mit einer Inszenierung von Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“ zu Gast.

Petras nähert sich der Aufgabe von zwei Seiten. Auf der einen Seite reduziert er den Stoff auf den zentralen Konflikt zwischen rebellierender Jugend und materialistischem Elternhaus, der vor allem auf einer metaphorischen Ebene transportiert wird. Da ist der Würstchen essende Pater oder die immer wiederkehrende Durchreiche zwischen Küche und Esszimmer, an deren Einbau das Wohlergehen der Eltern hängt. Die Bilder bleiben bei Petras meist in dieser Vergangenheit. Eher selten blitzt Zeitkritik oder eine offen philosophische Ebene auf, wobei dies dem Rhythmus der zweieinhalb Stunden auch nicht förderlich gewesen wäre.

Auf der anderen Seite probiert Petras für die Abwechslung in der Formensprache Witzels auch auf der Bühne alle verfügbaren Medien aus. Da der Text von den fünf Darstellern nicht in festen Rollen gespielt, sondern eher vorgetragen wird, sind es vor allem Live­­­video, Livemusik und Tanzakrobatik, die den Episoden erzählerischen Ausdruck verleihen. Zentrales Element der Inszenierung ist die Musik. Die Musiker der Band „Die Nerven“ besetzen die Mitte des Bühnenbilds, das aus einer Horde von 60er-Jahre-Schaufensterpuppen besteht, und setzen gleich in der Eingangsszene mit düsteren Gitarrenriffen den Ton. Im Laufe des Stückes wirkt die Musik wie der Seelenspiegel des Erzählers: Während die Eltern das familiäre Wohlbefinden am Bau einer Durchreiche zwischen Küche und Esszimmer festmachen, bricht es aus dem Sohn in Form von schweren Akkorden heraus.

Mit den „Nerven“ hat sich Petras eine musikalische Kulisse ausgesucht, die sich gezielt von den Idolen des Protagonisten, den Beatles und den Rolling Stones, absetzt. „Aus Beat und Pop wird Rock, aus Hippietum wird RAF“, heißt es denn auch im Stück. Besonders durch diese musikalische Dramaturgie gelingt es Petras, der stakkatoartigen Szenenabfolge Spannung zu verleihen.

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion, Schaubühne, Lehniner Platz. Nächste Termine: 12. April, 8. Mai.