Kultur

Eine fremde, vertraute Welt

Der Martin-Gropius-Bau zeigt die Ausstellung „Die Maya – Sprache der Schönheit“

Die Mayas veranstalteten eine Menge mit ihrem Körper: Sie malten ihn mit verschiedenen Farben an. Sie tätowierten sich. Sie durchbohrten ihre Ohren, um Ohrpflöcke hindurchzuschieben. Sie fügten sich kunstvolle Narben zu, die grafische Muster im Gesicht und auf dem Körper ergaben. Sie veränderten die Form ihrer Schädel künstlich, deformierten sie, damit der Schädel danach schmaler und länglicher wirkte. Die Zähne feilten sie spitz zu und setzten sich Halbedelsteine als Intarsien ins Gebiss. Lippen- und Nasenschmuck waren gängig, natürlich wurde dafür auch das Gesicht durchlöchert. Und künstliches Schielen wurde herbeigeführt, weil der Sonnengott doch auch schielte und es als edel galt.

Da kann Berlin in der Ausstellung „Die Maya – Sprache der Schönheit“ ja wirklich noch etwas lernen. Denn wir sind gefühlt längst die Hauptstadt des Tätowierens, der Piercings und eierbechergroßen Ohrlöcher. Wird diese Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, die am Montag von Bundespräsident Joachim Gauck und seinem mexikanischen Amtskollegen Enrique Peña Nieto eröffnet wurde, zum Renner in der Hauptstadt, drohen uns neue radikale Anblicke: im Gesicht künstlich vernarbte Berufsjugendliche mit angespitzten Zähnen. Mode á la Maya.

Die Schau rückt die Glanzzeit der Maya in den Mittelpunkt

„Unserer heutigen Vorstellung von ­Body-Art kommen die Mayas erstaunlich nahe“, sagt auch Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, beim Pressegespräch zur Ausstellung. Die liegt übrigens ausschließlich im ersten Stock des Gropius-Baus. Sie ist der Auftakt zum deutsch-mexikanischen Kulturjahr. Es ist die erste Maya-Ausstellung in Berlin, die letzte fand in Deutschland vor 30 Jahren in Hildesheim statt. Während hier also die Kultur der Maya gezeigt wird, werden im Gegenzug ab Sommer 2016 in Mexico-City nicht etwa die Kelten und Germanen, sondern Bilder von Otto Dix gezeigt. Klar – die Kelten hätten ja womöglich noch etwas zu bieten. Aber die Germanen können mit einer 2000-jährigen Hochkultur wie den Mayas einfach nicht mithalten.

Rund 1500 v. Chr. kam die Kultur der Mayas auf, ihr Ausgangspunkt liegt auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán, doch sie erstreckte sich bis tief hinunter nach Honduras und El Salvador. Was heißt erstreckte? Noch heute Leben Millionen Nachkommen der Mayas in Mittelamerika, allein in Yucatán sind es acht Millionen, es werden 30 verschiedene Maya-Dialekte dort gesprochen und teilweise auch unterrichtet. Und doch – es ist nur noch ein Abglanz der Maya-Kultur, die um das Jahr 1000 n. Chr. zugrunde ging (es gibt dann noch eine abgeschwächte, postklassische Phase, die sich bis 1522 n. Chr. zieht und mit der Conquista der Spanier radikal beendet wird). Warum es zum Kollaps der Maya-Hochkultur kam? Niemand weiß es. Aber darum dreht sich die Ausstellung auch nicht.

Sie rückt die Glanzzeit der Maya in den Mittelpunkt: die Spät- und Endklassik. Die meisten ausgestellten Werke stammen aus den Jahren zwischen 600 bis 1000 n. Chr. Und es dreht sich alles um Körper, um Figuren.

Dominieren bei den älteren Maya-Funden die geometrischen Ornamente, sind die Tonfiguren aus dieser späten Phase anrührend individuell. Das Gesicht eines alten Mannes, aus Stein gehauen: tiefe Falten haben sich um seinen Mund eingegraben, die Lippen sind im Lauf des Lebens schmal geworden. Ein Gesicht, das eine Brücke über tausend Jahre schlägt, weil der Anblick vertraut ist. So sehen alte Männer manchmal aus. Oder der Torso einer Schwangeren, die vollen Brüste, der runde Bauch. In einer anderen Vitrine ein Ballspieler in Aktion – bis heute kennt niemand die Regeln dieses Maya-Spiels, gefunden wurden lediglich die Spielfelder mit Torringen in luftiger Höhe und inzwischen auch ein Kautschukball. Die kleine Figur des Sportlers aus Ton, die im Martin-Gropius-Bau ausgestellt wird, hat auf jeden Fall Dynamik. Der Mann sieht allerdings weniger wie ein Fußballspieler und mehr wie ein Sumo-Ringer aus.

„Schönheit liegt in den Augen desjenigen, der sie zu schätzen weiß“, steht am Eingang der Ausstellung. Es geht um die Schönheit dieser Menschen und Wesen, die hier ausgestellt werden. Wir wissen inzwischen deren Schönheit zu schätzen – auch die fremde, kreatürliche. Denn die Menschen-, Tier- und Götterwelten waren bei den Mayas eng verwoben, das macht die Schau deutlich. So steht die Schlange für Fruchtbarkeit, für die Erde. Gleichzeitig kann sie ihren Körper erheben, strebt zum Himmel. Einer der berühmtesten Götter der Maya ist Quetzal­coatl, die gefiederte Schlange, der dann später auch bei den Azteken als Gottheit auftaucht. Ein ganzer Pantheon von Göttern und halbgöttlichen Wesen hat sich in den Berliner Vitrinen versammelt – sie schauen finster, strecken die Zunge raus, sind sonderbare Kleinwüchsige mit großen Hüten.

Für die Spanier, die 500 Jahre später ins Land eindringen und Mexiko erobern werden, ist dieser reiche Kulturkreis der Indios Traum und Horror zugleich. Der Anblick der Pyramiden und Lagunen der Aztekenhauptstadt Tenochtitlan macht sie 1519 ganz schwindlig: „Einige unserer Leute sagten sogar, es seien Traumbilder“, schreibt Bernal Díaz de Castillo, einer der Gefolgsmänner von Hernán Cortes, in seinem zeitgenössischen Bericht. So wunderschön wie in Tenochtitlan waren auch die Pyramiden der Mayas. Gleichzeitig ist da aber auch die andere Seite. „Es befand sich dort auch eine große Figur, einem Drachen ähnlich, und weitere fürchterliche Gestalten. Viel Blut, das man an dem Tag vergossen hatte, war zu sehen.“

Fratzen, Drachen, Ungetüme, Götzen – die spanischen Eroberer erschauern vor der Kultur, die von einer so fremden, heidnischen Götterwelt geprägt ist. Und die vor Menschenopfer nicht zurückschreckt. In der Maya-Ausstellung sind einige Szenen der Selbstopferung zu sehen, Männer, die ihren Penis durchbohren, um die Fruchtbarkeit zu erhöhen. Die Spanier wüten bei der Eroberung Mexikos, zerstören Tempel- und Pyramidenanlagen, erzwingen die Christianisierung. Bis heute ist das Land Mexiko geprägt von diesem radikalen Bruch, dieser ­totalen Entwurzelung. Die Pyramiden, auch in Yucatán, verfielen, wurden vom Dschungel überwuchert.

„Yucatán“ heißt auf Maya: „Ich weiß es nicht“. So antworteten die Maya-Händler von ihren Kanus aus den spanischen Conquistadoren um 1500, wenn sie fragten, woher die Indios denn kämen: „Yucatán!“ Es ist sinnbildlich für einen Zustand des Verlorenseins. Die Kultur der Maya, ihre Götterwelt, ihre extremen Bräuche, gehören der Vergangenheit an. Und doch – schaut man in die Vitrinen, erkennt man Vertrautes. Die Halskette aus kleinen Totenköpfen. Die grinsenden Schädel aus Sandstein gehauen, sie passen auch in das moderne Mexiko mit seinem „Día de los muertos“, an dem die Verstorbenen mit gruseligem Zuckergebäck und Gesichtern, die wie Totenschädel bemalt sind, gefeiert werden. In Mexiko hat der Tod eine große Vertrautheit.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7. Tel.: 25 48 60.
Mi-Mo, 10-19 Uhr. Bis 7. August.