Kultur

Karierte Hemden, silberne Protzschnallen, breitkrempige Cowboyhüte

Karneval in der Schmeling-Halle: BossHoss macht auf der Jubiläumstour halt in Berlin, das Publikum weiß sich zu kleiden

Was dem Cowboy-und-Indianer-Fan eine Festspielaufführung in Bad Segeberg ist, ist dem deutschen Country-Herz ein Konzert von BossHoss. Breitkrempige Cowboyhüte dominieren die Max-Schmeling-Halle. Dazu leuchten karierte Hemden, die in Jeans gesteckt und von silbernen Protzschnallen unter dem Bauchansatz festgehalten werden. Sich für ein Konzert entsprechend des Mottos zu verkleiden, scheint zu einer gern gepflegten Tradition zu avancieren, selbst im karnevalsunlustigen Berlin.

Die Schmeling-Halle ist gerammelt voll, selbst vor dem Umlauf stehen Fans in drei Reihen. Alle starren auf einen rot angestrahlten Vorhang, der minutenlang nicht fallen will. Dann passiert es doch: die Band steht bereits auf der Bühne und – verfolgt von zwei Lichtkegeln sowie begleitet von wildem Gekreische – laufen zu einem Gitarrensolo Alec „Boss Burns“ Völkel und Sascha „Hoss Power“ Vollmer ein. Tatsächlich sind BossHoss eine Band aus sieben Musikern, wobei Völkel und Vollmer als Vorsteher und Rampensäue fungieren. Während „Hoss Power“ Vollmer, wenn er nicht gerade mit seiner Gitarre auf das Publikum zielt, meist mit umgeschnalltem Instrument auf einem Barhocker sitzt und moderiert („Hallo Berlin!“), animiert „Boss Burns“ Völkel tänzelnd und klatschend das Publikum.

Auf der Bühne sind indes keine Heuballen aufgebaut, eine Videoleinwand gibt es auch nicht. Der einzige Schnickschnack, den sich BossHoss leisten, ist der Mariachi-Sombrero ihres Trompeters. „Heute gibt es neue Gassenhauer und alten Shit“ verspricht Völkel, Vollmer spielt die ersten Takte von „Do it“, alle klatschen mit. Die heutigen Songs handeln größtenteils von heißem Wüstensand, scharfen Frauen und selbstverständlich vom Outlawtum. Dabei sind die BossHoss-Außenseiter eigentlich abgebrühte Mainstream-Unterhalter. Sie haben schon jegliches Fernseh-Musik-Format begleitet, waren Jurymitglieder in „The Voice“ und Pausenfüller beim Vorentscheid des Eurovision Song Contest. Jetzt gehen sie als Teilnehmer bei „Sing meinen Song“ an den Start.

Seit nunmehr zehn Jahren werfen sich die beiden Bandvorsteher Völkel und Vollmer schon in ihre Cowboykostüme. Und es dürfte noch lange so weitergehen, schließlich ist es ein weites musikalisches Feld, welches in diesem Genre zwischen Akts von den Dixie-Chicks bis hin zu Gunter Gabriel liegt. BossHoss haben also nicht nur eine große, sondern eine unerschöpfliche Inspirations- und Coverauswahl, changieren zwischen Blues, Tijuana-Bläsersätzen und großen Herzschmerz-Balladen. Zu „Jolene“ hatte sich schon Jack White mit den White Stripes die Finger blutig gespielt.

Wie weit Country-Crossover tatsächlich gehen kann, zeigen die Berliner-Cowboys mit „The Beautiful People“. Angereichert durch eine Bläsercombo wird aus dem Marilyn-Manson-Song ein Ständchen zum launigen Mitklatschen. Doch die Coverversionen markieren noch die Anfangsjahre der Band, längst haben BossHoss auch viele eigene Songs im Repertoire. Die heißen dann „Don’t gimme that“ oder „Dos Bros“ und sind, wie die behüteten Männer am Bierausschank feststellen, „einfach hammergeil“.

Mit legendärem „Grand Ole Opry“-Nashville-Country hat ein BossHoss Abend nicht viel zu tun. Dem Erfolg tut das keinen Abbruch. Warum auch, Karl May war schließlich auch nie in den USA.