Literatur

Religionen im Praxistest

| Lesedauer: 5 Minuten
Judith Luig

Der Berliner Autor Gideon Böss ist einmal durch Deutschland gereist und hat Orte des Glaubens besucht

Berlin ist keine spirituelle Stadt. Übersinnliches, Jenseitiges, Transzendentales, all das spielt kaum eine Rolle in ihrer Geschichte, so scheint es. Berlin wird die atheistische Hauptstadt genannt. Und doch hat Religion, besser gesagt die Freiheit zur Religion diese Stadt überhaupt erst so groß werden lassen. Ohne sie wären die Hugenotten nicht gekommen, die Böhmer nicht und auch die Schlesier, denen Friedrich der Große gleich mit einer der schönsten Kirchen der Stadt, der Hedwigskathedrale, zeigen wollte, wie willkommen sie ihm waren.

Allein wegen dieser historischen Offenheit dem Anders- oder gleich Überhaupt-Gläubigen gegenüber, ist es nicht erstaunlich, dass der Autor Gideon Böss auf seiner Reise durch deutsche Glaubenslandschaften gleich fünf Mal in der Hauptstadt vorbeischaut. Er besucht hier Mormonen, Scientologen, und Bahai, also eher bekanntere Glaubensrichtungen, aber auch Lahore-Ahmadiyya und Raelisten, die an Außerirdische glauben, beziehungsweise dem Raelisten, denn es gibt in Berlin nur einen. Allerdings wohnt Böss auch in Berlin. Er hat sich vielleicht einfach nur etwas Strecke gespart.

Er hadert nicht, er zweifelt nicht, er ist nie ergriffen

Allzu viel Ideologie nämlich darf man trotz des Titels „Deutschland, Deine Götter“ von dem Buch (Tropen, 398 Seiten, 19,95 Euro) nicht erwarten. Der Autor, von Haus aus Journalist und Atheist, warnt gleich im Vorwort, dass er Sex und Intrigen der griechischen Götter immer interessanter fand als die Eschatologie. Der biblische Gott wirkt auf ihn wie ein „cholerischer Familienvater“, die Frage, welcher Glauben der richtige sei, ist für ihn vergleichbar mit dem „Kauf von Smartphones“. Eine Pilgerreise ist es also nicht, die Gideon Böss unternimmt. Und das ist gleich auch die größte Schwäche dieses Buches. Genau dieselbe Schwäche übrigens, die Böss der Bibel vorwirft: Es fehlt die Spannung.

Böss hadert nicht, er zweifelt nicht, er ist aber auch nie ergriffen. Sein Anspruch ist es, ein populäres Sachbuch zu verfassen. Aber bei einer komplett nüchternen Betrachtung hat es ein Thema, das mit dem handelt, das man eben gerade nicht zeigen kann, natürlich schwer.

Gideon Böss hat 26 Orte in Deutschland besucht, an denen Menschen sehr unterschiedliche Arten von Glauben praktizieren. Doch er gewinnt keine Erkenntnis, entwickelt sich nicht, verwirft oder entwirft neue Haltungen. Im Nachwort fragt er rhetorisch: „Habe ich etwas für mich gefunden? Ich glaube nicht.“ Man könnte ihm vorwerfen, dass er auch gar nicht gesucht hat. Überhaupt ist seine Motivation für die Reise eher dürftig. Wer also tatsächlich religiöse Orientierung sucht, der wird mit diesem Buch sehr unglücklich.

Und dennoch ist „Deutschland, deine Götter“ ein lesenswertes Buch. Böss hat keinen Respekt vor den Gläubigen, ob ihn nun ein Vertreter einer so alten und ehrwürdigen Einrichtung wie des Jesuiten-Orden oder ein Anhänger der Wicca, eines Hexenkults gegenübersteht. Böss behandelt alle gleich mit einer freundlich interessierten Neutralität, sie bekommen alle mehr oder weniger den gleichen Platz eingeräumt, ob ihr Glauben nun 23.000 Anhänger hat wie die Protestanten oder keine 200 wie die Quäker. Und so entstehen einige spannende Gespräche mit Gläubigen, die wiederum viel über das Religionsverständnis in Deutschland verraten. Häufig stellt sich durch Böss’ Fragen auch heraus, dass die jeweiligen Religionsgründer die heutigen Vertreter ihrer Religion gar nicht akzeptieren würden. Man hätte gern noch öfter gewusst, was die Glaubenden zu ihrem Glauben gebracht hat. Was ist die Faszination der jeweiligen Religion?

Böss’ Buch lebt vor allem von den Vorstellungen der kleineren Glaubensgemeinschaften. Zum Beispiel die der sehr sympathischen Quäker-Frau in Bad Pyrmont, bei denen der Glaube im Grunde komplett dem einzelnen überlassen wird. Eine Religion, die anscheinend komplett ohne Rituale oder Regeln auskommt, sieht man von der Pflicht, gewaltfrei zu leben, ab. Oder das Wicca-Pärchen, deren Glauben vor allem dazu zu dienen scheint, dass sie Freude daran haben. Jedem mit der gleichen Distanz zu begegnen heißt aber auch, dass Böss Gefahren, die manche selbsternannten Religionen mit sich bringen, auch ausklammert. Dadurch, und auch durch viele dem Platz geschuldete Vereinfachungen, wirkt seine Betrachtung an manchen Stellen auch leicht naiv. Das folgt der Logik seiner unterhaltsamen Reise und ist insofern nur konsequent. Aber dem Thema Religion wird das nur bedingt gerecht.

Böss spricht gerne in Bildern, vor allem aus Wirtschaft und Werbebranche. Nicht immer gelingt ihm das. Allerdings finden sich auch so schöne Sätze wie: „Wäre die römisch-katholische Kirche ein Schreibtisch, die Piusbrüder wären das Pornoheft.“

Die Angst vor einer Übermacht des Islams ist sehr präsent in diesen Monaten nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Gideon Böss’ unterhaltsames Buch zu 26 Stationen des Glaubens sorgt in dieser Frage für eine willkommene Entkrampfung.

Buchpremiere Gideon Böss am 13.4 um 19.30 Uhr in der Urania Berlin, An der Urania 17