Kultur

Das moderne Rotkäppchen

In „Hausbesuche“ beschreibt Stephanie Quitterer, wie es ist, jeden Tag an fremden Türen zu klingeln, mit Kaffee und Kuchen

Stephanie Quitterer ist eine Wahnsinnige. Also nicht so schlimm wahnsinnig, dass sie in dem U-Bahn-Werbespot „Is mir egal“ auftauchen würde. Sie sieht von außen völlig normal aus, wenn sie mit ihrem Korb im Arm und dem Kleinkind in Prenzlauer Berg entlang läuft. Aber Stephanie Quitterer hat ein Buch geschrieben, auf dessen Seite 181 der schöne Satz steht: „Bisher habe ich 1193 mal auf Klingeln gedrückt (hab mir extra so einen Drückzähler gekauft). 44 Klingeln in unserer Straße sind defekt, oder die Wohnungen zu den Klingeln stehen leer.“

Das ist schon einmal ziemlich irre. Aber wer sie trifft, in einem guten Café, in dem es Kuchen gibt, den lächelt sie an und erklärt, warum sie all diese Klingeln drücken musste. „Ich wollte einfach herausfinden, wer da so wohnt, wie sie wohnen und ob ich sie zu einem Gespräch überreden kann.“ Sie war gerade Mutter geworden, hatte viel Zeit für sich allein und wollte partout nicht glauben, dass in ihrem Kiez Prenzlauer Berg nur Spießerschwaben und Yuppies wohnen.

„Das Klischee hat mich so gestört, weil es gar nicht meiner Erfahrung entsprach.“ Nachdem sie erfolgreich alle Zweifler in ihrem Kopf und in ihrem Umfeld auf stumm geschaltet hatte, stand der Entschluss fest: Sie wollte ein Jahr lang in ihrer Gegend an Türen klingeln und mit Kaffee und Kuchen um Einlass bitten.

Das Buch „Hausbesuche“, das jetzt erschienen ist, ist keine Reise in einen bestimmten Stadtbezirk in einer bestimmten Stadt in Deutschland. Es ist eine Reise durch das Deutschland von heute. Es treten auf: die alten Damen, die sofort zu einem Cognac einladen; der Spanier, der im Muskelshirt und Schlabberhose die Tür öffnet; das Mädchen, das schon weinend in der Tür steht und wirklich jemanden zum Reden braucht. Mit jeder Seite wird klar: Stephanie Quitterer, selbst Theater­regieassistentin, hat sich in die Welt des großen Dramas begeben, dem realen Leben selbst. Morgens steht sie auf und backt Kuchen, mittags geht sie durch die Straße und klingelt an Türen – und abends schreibt sie die Erfahrungen im Blog auf.

Aus diesem Blog ist das Buch entstanden, doch das Besondere ist, dass sie auch vor der eigenen Haustür nicht halt macht. „Das wurde mir beim Schreiben immer mehr bewusst“, sagt sie, „dass ich die Grenze weiter zurück verschieben muss.“ Sie schreibt, dass sie sich mit ihrer Schwester zerstritten hatte und dass ihr Mann auch nicht unbedingt eine Stütze war bei dem Projekt. „Aber ich habe auch nicht jeden Streit aufgeschrieben und im Grunde hat sich alles, auch der Streit mit meiner Schwester, ja zum Guten gewendet.“ Sie sagt, durch das Projekt habe sie auch etwas über sich und die eigenen Grenzen gelernt.

Die Grenze Nummer eins war das Klingeln selbst. In den ersten Kapiteln leidet der Leser praktisch mit der Erzählerin: Wie unangenehm, die Menschen zu stören, bei was auch immer. „Warum kommen sie ausgerechnet zu mir???!!!“, brüllt zum Beispiel eine Dame, die von Quitterer nur die „Hexe“ genannt wird. Doch nur Sekunden später sitzt sie bei „Paula“ auf der Couch und trinkt kaltes Wasser zur Beruhigung. „Die ist sonst gar nicht so schlimm“, sagt die Nachbarin, die sich Paula nennt, aber eigentlich ein Mann ist. Einige schauen nur durch den Türspion, andere machen die Musik leiser, weil sie denken, es ist die GEZ, und einige wundern sich nur über die verrückte Idee und sagen trotzdem nein. „Von einem habe ich fünfmal eine Abfuhr kassiert, weil ich mir nicht merken konnte, bei ihm schon einmal geklingelt zu haben“, sagt sie, „inzwischen grüßen wir uns auf der Straße.“

Das ist ohnehin ein Effekt, der sich schwer erklären lässt: Die Langzeitwirkung des Projekts „modernes Rotkäppchen“, oder anders gesagt, was passiert, wenn sich die Menschen aus der Umgebung an sie erinnern und selbst auf die Idee kommen, zu klingeln? So musste sich ihr Mann daran gewöhnen, dass einige Nachbarn auch bei ihnen klingeln und sich selbst zum Kaffee einladen. Dafür hat sie 200 Wohnungen von innen gesehen, auch diese eine, die komplett (!) in Schwarzweiß eingerichtet war. Und sie hat Momente erlebt, die sich nur in Zahlen ausdrücken lassen.

Menschen in ihrem Haus, die sie jetzt mit Vornamen kennt: 29. Menschen, die sie fragten, ob sie keine Angst habe, 62. Hausbesuche, an die sie jeden Tag noch einmal denke: 2.