Kultur

Ein Burn-out bringt lange verdrängte Ereignisse zurück

Stöbern Autorinnen dieser Tage besonders gern auf den Dachböden ihrer Eltern und lassen sich so zu neuen Geschichten anregen? Die Vermutung liegt nahe: „Das Kleid meiner Mutter“ heißt ein Roman von Anna Katharina Hahn, in dem eine Tochter sich mit dem Kleidungsstück auch die Identität der Mutter erobert. Nun ist ein zweites Buch herausgekommen, das problemlos denselben Titel tragen könnte. Wieder wird ein abgelegtes Kleidungsstück zum Ausgangspunkt für die Suche nach dem Ich: „Hippiesommer“ ist das Debüt der Autorin Inge Kutter.

Für eine Schulaufführung des Musicals „Hair“ will Elena ein lilafarbenes Flatterkleid ihrer Mutter tragen. Es fasziniert sie und lässt sie detailreich darüber fantasieren, wie sich die Eltern kennengelernt haben, in jenem Hippiesommer vor vielen Jahren. Elena aber ist inzwischen selbst eine erwachsene Frau – und weiter weg vom esoterischen Lebenswandel der Mutter oder den eigenen Bühnenambitionen als Heranwachsende könnte sie gar nicht sein. Elena hat Karriere gemacht und arbeitet für eine Unternehmensberatung, bis ihr ein Burn-out dazwischenkommt. Elena ist gezwungen, sich in einer Klinik mit solide verdrängten Ereignissen aus der Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Inge Kutter, die als Journalistin über Psychologie und Karriere geschrieben hat (also ziemlich genau weiß, wovon sie hier erzählt) und seit 2015 Chefredakteurin des „Zeit“-Kindermagazins „Leo“ ist, hat als Jurymitglied für den Klaus-Michael-Kühne-Preis des Harbour Front Literaturfestivals eine Menge Debütromane gelesen. Nun war es an der Zeit für den ersten eigenen Roman. „Hippiesommer“ ist mit nur 200 Seiten keine ausufernde Familiengeschichte, nicht das ganz große Generationenporträt geworden, aber stilistisch durchaus ambitioniert. Kutter springt in ihrer Erzählperspektive zwischen Ich-Form und dritter Person, schon im zweiten Absatz ahnt der Leser, dass es sich trotzdem um die Geschichte derselben Figur handel. Verschiedene Schrifttypen sortieren die Ebenen zusätzlich.

Kutters Roman ist eine lebensnahe Geschichte über Selbstfindung, Abgrenzung und Annäherung sowie ein treffender Blick in bisweilen absurde Arbeitsrealitäten der Gegenwart. „Hippiesommer“ liest sich trotz des vordergründig schwermütigen Befindlichkeitsthemas luftig und spielerisch; es gelingt der Autorin ausgesprochen gut, Stimmungen einzufangen, Atmosphäre herzustellen und dabei trotzdem eine feine Beiläufigkeit zu erhalten. Wer weiß, vielleicht schafft es Inge Kutter, die bereits am zweiten Roman arbeitet, ja in diesem Jahr selbst auf die Nominierungsliste des Klaus-Michael-Kühne-Preises.