Volksbühne

Ermüdendes Spiel treibt Zuschauer an ihre Smartphones

Krzysztof Garbaczewski inszeniert „Locus Solus“ an der Volksbühne als ein Stück, das niemanden erreichen will. Am Ende kein Applaus.

Überdimensionierte Anführungszeichen hängen in der Volksbühne von der Decke

Überdimensionierte Anführungszeichen hängen in der Volksbühne von der Decke

Foto: Thomas Aurin / BM

Durch einen neonhellen, engen Gang wird man geleitet. Es ist zugig und verwinkelt. Von irgendwo kommen Stimmen. Dann schlängelt man sich mit anderen an einem Technikpult vorbei, setzt sich auf ein Podest. Das steht mitten auf der Bühne. Um einen herum ein Dom aus weißen Projektionsflächen. Suchscheinwerfer kreisen. Dann beginnt die Bühne sich langsam zu drehen.

Klingt vielversprechend soweit. So vielversprechend wie ein schräger Romanklassiker der frühen Moderne von einem jungen, wilden Polen inszenieren zu lassen. Es geht um Raymond Roussels „Locus Solus“ und um Krzysztof Garbaczewski, 1983 in Białystok geboren, in Polen ein Regie-Star.

Tote lassen sich mit einem Serum zum Leben erwecken

Roussels Buch von 1914 liest sich wie ein Rewriting des Decamerone, durch eine gehörige Portion Jules Verne gejagt: Der Wissenschaftler und Erfinder Martial Canterel führt eine Gruppe geladener Wissenschaftler durch sein Anwesen, Locus Solus, in einem Vorort von Paris. In sieben Stationen geht es von einer komplexen und verwundernden Erfindung zur nächsten.

Da schwimmt eine nackte Katze in einem wie ein Diamant geformten Gefäß – eine von Canterel erfundene Flüssigkeit erlaubt ihr unter Wasser zu atmen. Da spricht der Kopf der Leiche Dantons, elektrisch stimuliert, nur für Lippenleser entzifferbar, in historisch überliefertem Wortfall. Und Tote lassen sich mit einem Serum zum Leben erwecken, um in Tableaux vivants die wichtigen Stationen ihres Lebens noch einmal darzustellen.

Kleiner Imax-Touch zur Überwältigung

So weit, so abgefahren, so philosophisch und wild, so gruselig auch. In Garbaczewskis Anverwandlung des Romans geht es ebenfalls ums Ganze: um Energie und Denken, um Erlösung und Unsterblichkeit. Leider werden diese großen Themen in einer irgendwie in den 1980er Jahren steckengebliebenen Retro-Avantgarde verbraten, die nicht verstörend das Hirn befreit, sondern durch ihre Ballung szenischer Klischees letztlich vor allem langweilt.

Canterels Monologe sieht man zuerst nur von einem Mund gesprochen – ruckende Projektion wie in einem Stummfilm. Dann tritt er als eine Art Fernseh-Therapeut auf, dann mit aus einem Stern auf der Stirn hervorbrechendem Licht vor einem Hintergrund aus Schäfchenwolken. Der Erfinder als Gott, als Götze vielleicht nur. All das projiziert auf eine drei Stockwerke hohe 180-Grad-Leinwand. Kleiner Imax-Touch zur Überwältigung. Im Staatstheater kein Problem.

Handlungsfetzen auch hinter dem Publikum

Einen Großteil des übrigen Geschehens sieht man ebenfalls nur von Kameras eingefangen auf Screens. Während sich die Bühne, auf der die Zuschauer sitzen, dreht, gleiten die Akteure und Szenen vorbei, spielen sich immer wieder Handlungsfetzen auch hinter dem Publikum ab. Ein Tänzer in rotem Glitzer-Body muss sich natürlich irgendwann ausziehen. Splitter von Google Street View flimmern über die Leinwände. Jemand läuft mit großen Froschfüßen herum. Jemand anderes muss den Anzug ablegen und nackt mit Sonnenbrille auf etwas Grünem liegen, das aussieht wie ein umgekipptes Dresdner-Bank-Zeichen.

Des weiteren hängen vom Schnürboden eine Büste des Autors, einen Augapfel im Mund, überdimensionierte Anführungszeichen und so etwas wie ein gefiedertes Kreuz, an dem eine der Schauspielerinnen gegen Ende in die Höhe gezogen wird. Wie sie da in der Luft strampelt, zwischen Erdrosselung und Auferstehung pendelt, ist dann doch an fettem Pathos und unfreiwilliger Komik kam noch zu übertreffen.

Alles Gespielte hat etwas ermüdend Nummernrevue-Haftes

Alles in allem besteht das Stück aus sehr vielen bekannt erscheinenden Verfremdungseffekten. Als hätte Garbaczewski Roussels Text an Schwierigkeit noch überbieten wollen. Dabei ist das Nichtverstehen immer ein doppeltes: Rein akustisch schon kapiert man kaum etwas von dem, was von den Ensemblemitgliedern gesprochen wird. Und das liegt nicht daran, dass sie mal Englisch, mal Deutsch, mal – leider nur an einer Stelle – Polnisch sprechen. Es liegt an zu leise gestellten Mikrofonen und an mit der Geschwindigkeit des Gesagten nicht mitkommenden Untertiteln.

Vielleicht soll einem aber auch absichtlich die Komplexität des Materials zu Fahrstuhlmusik zerrinnen – ein Kampf gegen das ewige Verstehen-Wollen in der Kunst. Aber auch diesen Effekt könnte man auf interessantere Weisen herstellen.

Alles, was hier geschieht, hat etwas ermüdend Nummernrevue-Haftes. Weder Dynamik, noch Brüche, noch Spannungsbögen. Was politisch-brisant sein könnte – etwa eine Szene, die vage an Folter durch Wasserzufuhr erinnert –, geht unter in brachial-allgemeiner Symbolik. Alles in „Locus Solus“ geschieht auf einem gleichbleibenden Niveau von Verrätselung. Nach einer Stunde fangen die ersten Zuschauer an, auf ihren Smartphones Emails zu checken.

Zu Schluss einfach nur ein Schild: „Raus“

An einer Stelle singt das Ensemble Canterel ein Geburtstagsständchen – tatsächlich „Happy Birthday“, gefühlte zehn Minuten lang. Darüber spricht Canterel, unterschiedliche Tonlagen und Ausdrücke testend: „Oh, a surprise!“. Wie oft aber kann man „Eine Überraschung!“ wiederholen bis etwas Überraschendes passiert? Unendlich oft, offenbar. An diesem Abend jedenfalls hat man vergeblich darauf gewartet.

Gesehen hat man ein Stück, das niemanden erreichen will. Ein Perpetuum Mobile, das auch allein ad infinitum vor sich hin rattern könnte, in dem so etwas wie Publikum eher stört. Entsprechend gibt es am Schluss auch kein Verbeugen, keinen Applaus. Nichts, wo man seinen Ärger loswerden könnte. Da steht einfach nur ein Schild: „Raus“. Im Hintergrund laufen die Texte weiter, die schon zu hören waren, bevor man den Raum betrat. Das mag konsequent sein, auch im Geiste der Romanvorlage. Es ist aber – in der Ereignisanstalt, die das Theater darstellt – vor allem fürchterlich frustrierend.