Kultur

Fünf Chefdirigenten auf einen Streich

Das Deutsche Symphonie-Orchester feiert sein 70. Jubiläum mit ungewöhnlichen Konzerten

Für das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin (DSO) ist es auf den ersten Blick nur eine Saison des Übergangs: Chefdirigent Tugan Sokhiev ist dann bereits weg, aber sein Nachfolger Robin Ticciati tritt offiziell erst 2017 an. Es ist wieder einmal das Warten auf die Zukunft. Bei der Jahrespressekonferenz am Mittwoch war kein Dirigent dabei. Die wichtigste Personalie: Orchesterdirektor Alexander Steinbeis verlängert seinen Vertrag bis 2021. Der smarte Orchesterchef hat seit 2006 manche Klippe geschickt umfahren. Geholt hatte ihn Ingo Metzmacher, der dann aber wegen angedrohter Sparmaßnahmen mit einem kulturpolitischen Knall alles hinwarf. Kurze Zeit später ging das Gespenst der Orchesterfusion in Berlin um. Es war eine Zeit ohne Chefdirigent. Dann kam der Russe Tugan Sokhiev, der aber nie so richtig heimisch wurde in Berlin. Jetzt wartet alles auf Ticciati. Dabei haben Steinbeis und sein vertrauter Orchestermanager Sebastian König, der ebenfalls bis 2021 verlängert hat, genug zu tun. Im November 2016 feiert das DSO seinen 70. Geburtstag.

Der Coup der Jubiläumssaison liegt auf der Hand. Das Publikum bekommt gleich fünf lebende Chefdirigenten aus der Geschichte des Orchesters zu Gesicht. Ehrendirigent Kent Nagano leitet das Jubiläumskonzert am 6. November. Vladimir Ashkenazy wird mit Schostakowitschs achter Symphonie an Glanzzeiten erinnern. Ingo Metzmacher kombiniert Bruckners „Romantische“ mit Strawinskys „Apollon musagète“. Der designierte Robin Ticciati wird in zwei Programmen Mahlers Vierte und Schumanns Dritte vorstellen, kombiniert mit britischer Gegenwartsmusik von Thomas Adès und Helen Grime.

Ein weiteres Programm wurde wieder abgesagt, nachdem Ticciati Mitte Februar in München einen Bandscheibenvorfall erlitt. Steinbeis berichtet, dass es ihm besser ginge und er ihn in zwei Wochen besuchen werde. Die Jubiläumssaison wird Tugan Sokhiev beschließen. Der Russe hat heimische Musik im Programm. Neben Tschaikowskis Vierter bringt er das Konzert für Violine und Cello der Exilrussin Jelena Firsowa zur Uraufführung. Ein Name fehlt in der Chefdirigenten-Riege: Riccardo Chailly, der leider keine Zeit gefunden habe, wie es heißt.

Diese stattliche Zahl an Chefdirigenten zeigt beiläufig, dass das DSO ein künstlerischer Durchlauferhitzer ist. Traditionsorchester wie die Philharmoniker oder die Staatskapelle haben einfach nicht so viele Chefwechsel am Pult. Mit seinen 70 Jahren hat das DSO die Gnade der Spätgeborenen. Das Orchester war nie ein Nazi und muss jenseits des Künstlerischen nichts aufarbeiten. Gegründet als Rias-Symphonie-Orchester wurde es 1956 in Radio-Symphonie-Orchester umbenannt. Den Namen Deutsches Symphonie-Orchester trägt es seit 1993.

Wirtschaftlich geht es dem Orchester gut. Die Auslastungszahlen sind in den letzten Jahren gestiegen und liegen inzwischen bei fast 89 Prozent. Allein in Berlin hatte das DSO im vergangenen Jahr knapp 80.000 Besucher. Für die kommende Saison sind wieder viele namhafte Dirigenten und Solisten sowie eine ausgedehnte Südamerikatournee angekündigt. Kent Nagano leitet am Pfingstmontag, den 16. Mai 2016, den dritten „Symphonic Mob“. Das DSO trifft sich dafür mit Laienmusikern in der Mall of Berlin am Potsdamer Platz. Die Fortsetzung ist für 2017 geplant.