Kultur

Das Irgendwosein der Daten

Die Ausstellung „Nervöse Systeme“ im Haus der Kulturen der Welt versucht sich am Ausstellen quantifizierten Lebens

Es zirpt und pingt im Haus der Kulturen der Welt. Telefone klingeln aus Kopfhörern, Stimmen murmeln, Bilder schliddern über Screens. Sobald man die Ausstellung „Nervöse Systeme – Quantifiziertes Leben und die soziale Frage“ betritt, wird man selbst nervös, umfangen von dem Gefühl, in eine Überwachungszentrale zu stolpern, die zugleich eine Spielhölle ist. Das Internet, könnte man meinen, in 3-D.

Lange sah es so aus, als hätten entweder George Orwell oder Aldous Huxley recht. In „1984“ wird die Zukunft als ein quasi faschistischer Staat entworfen, in dem Überwachung von oben, als Transparenz-Terror, die Untertanen kontrolliert. „Schöne Neue Welt“ ist eine Pastell-Version davon: Da schluckt man Pillen zum Glücklichsein und arbeitet, um einiges subtiler gelenkt, daran mit, sich selbst in Schach zu halten. Ein fieser Imperativ zum Glücklichsein durchwirkt Huxleys nicht weniger erschreckendes Szenario.

32 Jahre nach 1984 zeichnet sich ab, dass vermutlich beide Autoren recht hatten. Autoritäre Herrschaftsansprüche gehen prima zusammen mit durch immer ausgereiftere Technik forcierter Selbstoptimierung. Überwachung durch Dritte und das bereitwillige Liefern von Daten laufen nicht nur in verschiedenen Staatsgebilden zeitlich parallel – sie gehen auch systemisch Hand in Hand.

Mit den Techniken, den historischen, politischen, philosophischen und am Rande auch ästhetischen Implikationen des Themas beschäftigt sich die von Anselm Franke mit Stephanie Hankey und Marek Tuszynski vom Tactical Technology Collective kuratierte Ausstellung. Einen guten, spielerisch-ernsten Einstieg bietet Julien Prévieuxs Film „Patterns of Life“, der mit Tänzern der Opéra national de Paris mehr als ein Jahrhundert technischer Aufzeichnungen menschlichen Verhaltens als Info-Choreografien in Szene setzt. So würde man sich Schulfilme für die Schule wünschen: klar, knapp, komplex und schön.

Die Zusammenstellung von über 30 weiteren Arbeiten zur nicht unproblematischen Verschränkungen von Mensch und Maschine schaut sich dagegen über weite Strecken an wie ein in einem Zimmer verteilter Ausstellungskatalog. Die vielschichtige Materie braucht eine Diversität an Exponaten, klar, sie braucht Erläuterungen und Kontexte. Wenn man jedoch vor der zehnten ausführlichen Texttafel mit eingelassenem Mini-Monitor steht, vor dem siebten Screen keinen Kopfhörer abkriegt, fragt man sich, warum man nicht einfach zu Hause bleiben durfte, mit einem Buch und/oder einem Tablet.

Den Raum bespielen – und damit die körperliche Anwesenheit dieser unvollkommenen Einheiten, Ausstellungsbesucher genannt, mitdenken – tun nur die wenigsten Exponate. Etwa die übergroßen Abzüge von Google-Street-View-Funden, die Jon Rafman nebeneinander hängt: Menschen, die panisch in ein schwelendes Holzhaus rennen; ein Tiger, der einen Parkplatz überquert; ein Mann mit Gasmaske, mitten in einem Wald hockend. Spätestens beim letzten Bild fängt man sich an zu wundern: ist das noch Überwachung oder schon Fake – Suchmaschine oder Kunst? An welche Informationen will man glauben, und wer hat hier die Deutungsmacht?

Eindrücklich ist auch der originalgetreue Nachbau des Büros in der Londoner Botschaft von Ecuador, in dem sich Julian Assange seit Jahren vor der Auslieferung an Schwedens Staatsanwaltschaft verschanzt. Diese Installation der Mediengruppe Bitnik demonstriert die physische, sehr unglamouröse Kehrseite des Irgendwoseins der Daten. Auf einem Kaminsims liegen Bücherstapel, auf dem Schreibtisch ein aufgeklappter Laptop. Wenn man diesen Raum betritt, fühlt man sich halb wie ein Voyeur, halb wie ein Schauspieler in einem Film mit dem Titel „Realität“. Von solchen sinnlichen Kippmomenten der Selbstwahrnehmung hätte man sich – zwischen all dem Diskursrauschen – bei den „Nervösen Systemen“ mehr gewünscht.

Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10. Tel.: 397870. Mi–Mo
11–19 Uhr. Bis 9. Mai. Info: www.hkw.de