Reim-Nachfolge

RBB stimmt über neuen Intendanten ab

Am Abend entscheidet sich, ob künftig Patricia Schlesinger oder Theo Koll den Sender führen wird. Das Rennen gilt als offen.

Der RBB in der Masurenallee: Ab Juli zieht ein neuer Intendant in den 13. Stock

Der RBB in der Masurenallee: Ab Juli zieht ein neuer Intendant in den 13. Stock

Foto: imago/Jürgen Ritter

13 Jahre liegt es zurück, da endete die Wahl beim RBB mit einer Sensation. Als Favorit ging der damalige WDR-Fernsehdirektor Ulrich Deppendorf in die Intendantenwahl, als Siegerin kam Dagmar Reim, Direktorin des NDR-Landesfunkhauses, heraus. Der Rundfunkrat zeigte sich angetan von ihrer „überzeugenden Vision“, „bestechenden Ehrlichkeit“ und „einer beeindruckenden Vorfreude“.

Es war nicht nur für Ulrich Deppendorf eine brutale Niederlage, sondern auch für die Politik in Berlin-Brandenburg. Der WDR-Mann hatte im Vorfeld die Länder-Premiers Klaus Wowereit und Matthias Platzeck (beide SPD) auf seine Seite gebracht, die Wahl schien eine Formfrage zu sein, doch dann bewies der Rundfunkrat, dass er die Parteien nicht als ihre Befehlszentrale betrachtete.

Es gibt keinen eindeutigen Favoriten

Wie anders doch die Ausgangslage für die Intendantenwahl 2016 ist: Es gibt keinen eindeutigen Favoriten, und die Politiker geben nur dezent Hinweise, welchen Intendanten sie bevorzugen würden. Geblieben ist, dass der Rundfunkrat nicht berechenbar oder gar steuerbar ist.

Idealiter soll der Rundfunkrat „einen Querschnitt der Bevölkerung“ abbilden, im realen Berlin-Brandenburg treffen sich in diesem Gremium neben Politikern Gewerkschafter, Naturschützer, Kirchenvertreter, Landfrauenbund und eine Vertreterin des Verbandes der Sorben.

Wahl ist ein­facher geworden

Die 29 Mitglieder werden sich am heutigen Donnerstag ab 16 Uhr in Potsdam im Sendezentrum Fernsehen zusammenfinden. Patrica Schlesinger und Theo Koll werden sich vorstellen und Fragen des Rundfunkrates beantworten, anschließend wird der Intendant gewählt.

Intern rechnet man damit, dass sich der Rundfunkrat bis 21 Uhr auf einen Kandidaten geeinigt hat. Die Wahl ist ein­facher geworden, nachdem ARD-Programmdirektor Volker Herres vergangene Woche seine Kandidatur zurückgezogen hatte.

Dass sie ihn zu einer Kandidatur bei einem vergleichsweise kleinen Sender im ARD-Verbund bewegen konnten, darauf war die zehnköpfige Findungskommission besonders stolz. Mit mit dem verwaltungserfahrenen Herres, so die Hoffnung, könnte sich der RBB besser gegenüber den großen Anstalten durchsetzen. Umso größer war die Enttäuschung beim Rundfunkrat, als es Herres überraschend auffiel, wie gut ihm sein derzeitiger Posten gefällt, und er per SMS seine Kandidatur zurückzog.

Zwei herausragende Journalisten zur Auswahl

Mit Patricia Schlesinger (54) und Theo Koll (58) stehen nun zwei heraus­ragende Journalisten zur Auswahl. Patricia Schlesinger leitet die Abteilung Dokumentation und Kultur beim NDR-Fernsehen, zuvor war sie bei der ARD Korrespondentin in Singapur und Washington. Beim NDR verantwortete sie die Kofinanzierung von „Citizenfour“, einer Dokumentation, die 2015 den Oscar bekam.

Bekannter ist Theo Koll, der zum festen Inventar des ZDF gehört. Er war Korrespondent in London, moderierte „Frontal 21“ und leitet seit 2014 das Büro in Paris. Die Zusammenlegung der Inlands- und der Auslandsredaktion zur Hauptabteilung „Politik und Zeitgeschehen“ verantwortete er.

Reim scheidet aus privaten Gründen aus

Für Schlesinger wie Koll wäre die Chefposition beim RBB ein ordentlicher Sprung. Beim Sender weist man darauf hin, dass es etwas anderes sei, eine Hauptabteilung zu leiten als einen Sender mit 3000 Mitarbeitern. Intern ist – nicht überraschend – unterschiedliches zu hören: Es gibt Mitarbeiter, die jetzt schon mit Wehmut an die Amtszeit von Dagmar Reim (64), die am 30. Juni 2016 aus privaten Gründen ausscheiden wird, denken und einen Kurswechsel fürchten.

Andere wiederum sagen: „Dass kein Interner es wird, ist schon positiv genug.“ Allerdings gibt es eine kleine Chance für die Programmdirektorin Claudia Nothelle, nämlich dann, falls es im Rundfunkrat bei der Wahl zwischen Schlesinger und Koll zum Patt kommt. Das Szenario ist jedoch unwahrscheinlich.

„Geld würde ich auf keinen setzen“

Weil es keine Doppelspitze mit Patricia Schlesinger und Theo Koll geben wird, obwohl das eigentlich eine charmante Lösung wäre, ist die Frage nach dem Favoriten nicht zu beantworten. Am liebsten wäre es ihm, so erzählt ein Rundfunkrat, wenn es mindestens zwei Wahlgänge gebe, das unterstreiche die Wertschätzung für beide Kandidaten.

So wird es ein enges Rennen, und für jedes Argument für einen Kandidaten gibt es im Rundfunkrat einen, der das Gegenargument liefert: Patricia Schlesinger sei schon allein deshalb favorisiert, weil sie eine Frau ist, sagen die einen. Dem wird entgegengehalten, dass der RBB mit Dagmar Reim und Claudia Nothelle in der Führung schon gezeigt hat, dass im Sender Frauen nicht benachteiligt werden.

Patricia Schlesinger sei ein Eigengewächs der ARD, vernimmt man genauso oft wie die Gegenrede, dass es gerade gut für den RBB sei, wenn jemand wie Theo Koll von außen an die Spitze komme. Patricia Schlesinger werde von der SPD präferiert, die werden sich schon durchsetzen, hört man. Andere wiederum weisen darauf hin, dass dieser Rundfunkrat unideologisch und pragmatisch sei. So ist alles offen. Oder wie es ein Rundfunkrat sagt: „Geld würde ich auf keinen setzen.“