Kultur

Die Stimme einer Generation

Donovan lieferte den Soundtrack für die Hippies. Nun kommt der Sänger nach Berlin

Als Donovan Phillips Leitch seinen Durchbruch schaffte, sah die Welt anders aus als heute. Martin Luther King und Robert Kennedy lebten, in Deutschland gab es kein Farbfernsehen und auf dem Mond war bis dahin auch niemand gewesen. Man schrieb das Jahr 1965. Es sollte drei weitere Jahre dauern, bis Donovan, wie er sich als Musiker nannte, mit seinen Kollegen, den Beatles, nach Indien reiste, um transzendentale Meditation zu lernen und John Lennon die Fingerpicking-Technik an der Gitarre beizubringen. Donovan war damals mindestens so bekannt wie die Fab Four, aber ihre Karrieren sollten sich bekanntlich unterschiedlich entwickeln. Im vergangenen Jahr hat er sein 50-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert. Am heutigen Mittwoch nun gastiert der 69-Jährige in der Passionskirche Kreuzberg am Marheinekeplatz; ein schöner Ort, für den der Besucher mit 50 Euro allerdings auch einen stolzen Preis zu zahlen hat.

„In den kühlen Stunden und Minuten der Ungewissheit wünschte ich, ich wäre von der Wärme deiner Zuneigung umschlossen. Dich um mich zu spüren, deine Hand zu nehmen, mit dir am Strand zu gehen – ach, da könnt ich genauso gut versuchen, den Wind einzufangen.“ Kein Witz, so etwas hat man damals, drei Jahre vor dem „Sommer der Liebe“, tatsächlich an den Lagerfeuern gesungen. „Catch The Wind“ war neben „Hurdy Gurdy Man“ einer der ersten Hits des „sanften Sängers“ mit dem Faible für esoterische Themen. Ein „Pop-Parzival, der in seiner sensiblen Naturpoesie und seinen bilderreichen, pastoralen Songidyllen Sentimentalität, Kitsch und Klischees nicht immer vermeiden konnte“, so hat ihn das „Rock-Lexikon“ beschrieben.

Mit einer für einen ehemaligen Star standesgemäßen Verspätung kommt Donovan in den Interviewraum. „Ich wollte ein Hotel in der Nähe des Sees“, sagt er. Man hat dort für ihn ein Zimmer ausgesucht, in dem ein Foto von Twiggy an der Wand hängt, dem Magermodel, das in den 60er-Jahren Furore machte. „Ich habe gleich gedacht, das passt doch“, sagt der Musiker. Man kennt sich. Twiggys Ehemann Leigh Lawson spielt im Film „Bruder Sonne, Schwester Mond“ von Franco Zeffirelli aus dem Jahr 1972 mit. Donovan hat dazu die Filmmusik geschrieben.

Er erzählt in Schleifen, ein bisschen wie ein Märchenonkel

„So ein Jubiläum ist sehr gut, um einen Werkbericht vorzulegen, es ähnelt ja einer Retrospektive“, sagt der in Glasgow geborene Musiker. 33 Konzerte hat er im vergangenen Jahr in Großbritannien gegeben. „Retrospective“ heißt auch das Doppelalbum mit neuen und alten Songs. Deutschland ist auf seiner Tour nur eine Zwischenstation. Im Laufe des Jahres will er in den USA und in Frankreich auftreten. „Musik wird heute anders aufgenommen und vertrieben“, sagt er. „Was sich nicht geändert hat, sind die Songs. Das menschliche Befinden ist gleich geblieben. Deshalb haben Dichter und Sänger immer noch einen Job.“ Er erzählt in Schleifen, ein bisschen wie ein Märchenonkel, nicht immer ganz von dieser Welt, eine Prise Poesie ist dabei.

Donovan stammt aus einer schottisch-irischen Familie, die die Traditionen gälischer Dichtung hochhielt. Viele der Gedichte, die er in seiner Familie hörte, hatten soziale Anliegen. „Mein Vater hat mir beigebracht, dass man seinen Mitmenschen helfen und auf Ungerechtigkeiten hinweisen muss.“

Als Donovan zehn Jahre alt war, zog die Familie in den Londoner Speckgürtel, mit 17 Jahren trampte er mit seinem Freund Gypsy Dave durch die Lande und sang zur Gitarre. „Wir wollten die Stimme unserer Generation sein.“ Poster von dem Troubadour hingen damals in Mädchenzimmern. Es war die Zeit der Hippie-Kommunen, der Drogen, der freien Liebe. Von 1965 an bombardierten die USA Nordvietnam, Donovan sang mit der Antikriegshymne „Universal Soldier“ dagegen an. „In der Poesie steckte die Macht des Wechsels. Wir haben dem die Tür geöffnet“, sagt er stolz. Er war befreundet mit Eric Burdon und Jimmy Page, der als Studiomusiker auf seinen Stücken spielte, bevor er als Gitarrist von Led Zeppelin zum Superstar wurde. Als er in den Abbey Road Studios das erste psychedelische Album „Sunshine Superman“ aufnahm, arbeitete der kürzlich verstorbene Produzent George Martin nebenan mit den Beatles. Im Laufe der Zeit gelangen ihm mehrere kleine Comebacks, aber seine wichtigste Dekade blieben die 60er-Jahre. Ein Schlüsselerlebnis hatte er 30 Jahre später mit dem legendären US-Produzenten Rick Rubin. Der wollte von ihm genau wissen, wie er Songs geschrieben und aufgenommen hatte. Donovans Antwort: „Ich habe drei Songs in drei Stunden geschrieben, für ein Album brauchte ich eine Woche.“ So wollte auch Rubin mit ihm arbeiten. Aber aus den angedachten zwei Wochen wurden drei Jahre. Rubin gilt als superkritischer Perfektionist, der unter anderen Johnny Cash und Tom Petty zu großen späten Erfolgen verhalf. Donovan schrieb sich in einen Rausch, erdachte 100 Songs, traf aber auf einen reservierten Produzenten. „Er hat nichts gesagt, nur zugehört. Wenn er nickte, hieß das: vielleicht. Wenn er mit dem rechten Fuß wippte: ja.“ Oft hat er offenbar nicht gewippt, aber am Ende erschien das Album ­„Sutras“ auf Rubins Label American Recordings und brachte Donovan 1996 noch einmal Anerkennung. Es blieb die einzige Zusammenarbeit.

Schreibt er immer noch Songs? „Ich kann damit nicht aufhören, obwohl meine Frau das möchte“, sagt er. Gerade erst hat er, inspiriert vom tibetanischen Buch „Die sieben Arten der Liebe“ einen neuen Song geschrieben: „Three Kinds Of Love“. Ein Liebeslied, wieder mal. Er fängt an, es vorzusingen, und unterscheidet darin die instinktive, die emotionale und die bewusste Liebe. Was ist mit den anderen vier, Donovan? „Wenn du die ersten drei nicht verstehst, wirst du die sieben niemals kapieren.“ Ob man das Gefühl so wirklich ein für alle Mal beschreiben kann? Wahrscheinlich könnte man genauso gut versuchen, den Wind einzufangen.