Kultur

„Wir werden mutiger sein“

Intendant Barrie Kosky kündigt an der Komischen Oper viele Stücke an, die kaum einer kennt

In der Berliner Opernstiftung geht es derzeit nicht so harmonisch zu, wie es in den letzten Jahren gern propagiert wurde. Aber wenn zwei sich streiten, weiß man, kann der Dritte getrost seine Jahrespressekonferenz machen. Intendant Barrie Kosky stellte am Dienstag seine Saisonpläne vor, und genau genommen muss ihn der aktuelle Konflikt nicht berühren. Beim Opernstreit geht es darum, dass die Deutsche Oper bereits angekündigt hat, im Jahr 2020 den „Ring des Nibelungen“ neu zu inszenieren. Dann wurde bekannt, dass die Staatsoper die Wagner-Tetralogie zeitgleich auf die Bühne im sanierten Opernhaus Unter den Linden bringen will. „Ich mache keinen neuen ,Ring‘-Zyklus“, verkündet Kosky und hat die Lacher auf seiner Seite. „Ich verspreche es!“

In dem kleinsten der drei Opernhäuser hätte auch keiner einen „Ring“ erwartet. Es hat auch keiner danach gefragt. Dubletten und Tripletten sind laut der Regeln der Stiftung unmöglich und immer wieder ein Thema – wenn es etwa um Mozarts „Zauberflöte“ oder andere Publikumsrenner geht. Es gibt regelmäßig Gesprächs- und Verhandlungsrunden zwischen den drei Häusern, bei denen Operntitel auf einer Liste reserviert werden. Auch er habe schon drei Stücke an den Dietmar abgegeben, versichert generös Barrie Kosky. Der Beschenkte ist Intendant der Deutschen Oper, und Dietmar Schwarz wird vermutlich ähnliche Geschichten vom Mehr-Geben-und-weniger-Nehmen erzählen.

Der Intendant verteidigt das Modell der Opernstiftung

Was die „Ring“-Dublette angeht, versteht sich der Intendant der Komischen Oper eher als Boutros Boutros -Kosky, das Namensspiel auf den UN-Spitzenvermittler wiederholt er mehrfach. Ihm schwebe mehr die Schweizer Di­plomatie des sich Heraushaltens vor. Sicherlich könnte die Kommunikation zwischen der Staatsoper und der Deutschen Oper besser sein, meint er. Bevor es die Opernstiftung gab, herrschte viel Chaos. „Wir müssen Regeln haben“, so Kosky: „Die Stiftung ist nicht perfekt, aber das Beste, was wir haben.“ Nach den Regeln würde es eigentlich bedeuten, dass „die Deutsche Oper den ,Ring‘ macht“. Aber er verstehe auch, dass Daniel Barenboim den „Ring“ als seinen großen Abschied machen möchte. Also doch zwei „Ringe“? „Ich könnte mir vorstellen, dass es problematisch wird“, so Kosky: „Es gibt eine Grauzone“. So viel zum Verständnis eines australischen Regisseurs von der Schweizer Diplomatie.

Wer sich das neue Jahresprogramm der Komischen Oper anschaut, erahnt schnell, warum Barrie Kosky dem Ringkampf der großen Häuser so distanziert zuschaut. Bei ihm werden fast ausschließlich Stücke zur Premiere kommen, die die Deutsche Oper und die Staatsoper nicht spielen können oder wollen. Da finden sich Rameaus Barockoper „Zoroastre“, Kálmáns einziges Musical „Marinka“, die zeitgenössische Oper „Medea“ des Berliner Komponisten Aribert Reimann, der gerade seinen 80. Geburtstag feierte, oder Mussorgsky selten gespielte Oper „Der Jahrmarkt von Sorotschinzy“. Der einzige vertraute Repertoire-Hit ist Rossinis „Il Barbiere di Siviglia“. Den inszeniert Kirill Serebrennikov, was verspricht, dass auch die Oper fantasievoll aus dem Rahmen fällt. Kosky zelebriert in seiner fünften Saison wieder die Ästhetik des Überraschungsmoments. Keiner weiß genau, was auf ihn zukommt, wenn er erst einmal im Zuschauersaal sitzt. Vielleicht ist das Koskys Erfolgsrezept. Das unterscheidet ihn auch von den großen Häusern, die vor allem Erwartungshaltungen in höchster Qualität erfüllen müssen. Koskys Modell ist durch die aktuelle Auslastungszahl gedeckt, sie liegt bei 90,7 Prozent. Kosky behauptet, seine fünfte Spielzeit sei die am besten ausbalancierte. Nach seiner Philosophie muss Oper, Operette und Musical ausgewogen präsentiert sein. „Der Zuschauer kommt, um unterschiedliche Sachen zu sehen“, sagt Kosky, „er sucht das Abenteuer.“ Und die Komische Oper habe kein einheitliches Publikum. Das sei anders als etwa in München, Frankfurt oder Stuttgart.

Nach neuesten Befragungen an der Behrenstraße ist der durchschnittliche Opernbesucher (ohne Kinderproduktionen) unter 50 Jahren alt. Was vergleichsweise jung ist. 69 Prozent der Besucher kommen aus Berlin, 22 Prozent aus Deutschland, neun Prozent aus dem Ausland. Bei den einheimischen Opernbesuchern hätten zehn Prozent einen Migrationshintergrund. Im Rahmenprogramm setzt die Komische Oper vor allem auch auf die türkische Community in Berlin. Im Jahr darauf wird es die erste türkische Kinderoper am Haus geben.

Dagmar Manzel verwandelt sich in die Cleopatra

Das Highlight der Saison 2016/17 wird wohl die neue Produktion der britischen Theatergruppe „1927“ werden. Nach dem stets ausverkauften Comicstrip der „Zauberflöte“ folgt jetzt der Strawinsky-Ravel-Doppelabend „Petruschka/L’Enfant et les Sortilèges“. Unter den angekündigten sieben szenischen Premieren findet sich auch Oscar Straus’ Operette „Die Perlen der Cleopatra“ mit Dagmar Manzel in der Titelrolle. Darüber hinaus gibt es 14 Wiederaufnahmen. Die Saison ist zugleich der Abschied von Generalmusikdirektor Henrik Nánási. Sein Nachfolger werde gesucht, sagt Kosky, sechs oder sieben Kandidaten sind in der engeren Wahl. Aber es dauert noch.

Um die Staatsoper geht es dann noch einmal am Dienstag. 2017 zieht das Ensemble aus dem Schiller-Theater aus und geht zurück ins Stammhaus nach Mitte. Ursprünglich sollte die Komische Oper für ihre 80-Millionen-Euro-Sanierung anschließend ins Schiller-Theater ausweichen. Dagegen hat sich Kosky, der aus den bitteren Erfahrungen der Staatsoper gelernt hat, vehement gesträubt. Die Ausweichspielstätte sei vom Tisch, verkündet er. „Die Komische Oper geht auf Tournee in die Stadt“, sagt der Intendant: „Wir werden bei unserem Repertoire auch mutiger sein.“ Ein eigenes Zelt ist im Gespräch, aber man wolle auch in die Waldbühne gehen oder Barockopern mit dem Berliner Ensemble oder dem Deutschen Theater machen. Am Opernhaus rechnet man sowieso damit, dass sich der Sanierungsbeginn auf 2020/21 verschieben wird.