Kultur

Die Welt mit Perücke betrachtet

Auf der Suche nach der Super-Dragqueen. Bei der Bühnenadaption von der Super-Serie RuPaul’s Drag Race kriegt auch Donald Trump sein Fett weg

Sie heißen Jinkx Monsoon, Sharon Needles oder Pandora Boxx. Sie reiben an ihren unsichtbaren Geschlechtsteilen, ihr Augenaufschlag vermag die Gezeiten zu ändern und ihre Show am Sonntagabend im Admiralspalast die ganze Welt. Jinkx und Needles, ihre Bühnenpartner – das sind allesamt Gewinner, Teilnehmer oder Emporkömmlinge von RuPaul’s Drag Race, einer genialen US-Reality-Serie, die gerade in der achten Staffel läuft.

RuPaul, Drag, Model, Sänger, ist so etwas wie Heidi Klum bei Germanys Next Topmodel, nur dass er keine Mädels sucht, die kooperativ Werbung für Einwegrasierer machen, sondern paillettenverzierte Dragqueens, die für die Rechte von Lesben und Schwulen und Was-auch-immer eintreten, wenn sie nur das unechte Haar über die Schultern werfen. Diese Polit- und Show-Aktivisten ziehen nun durch die Lande und zelebrieren Genderfluidität mit allem, was der Make-Up-Koffer hergibt.

Typisch Mann, selbst im Frausein will er der Beste sein

Aber weil RuPaul – so wie Heidi – wirklich wenig Zeit hat, schickt er seine Jurorin Michelle Visage. Sie nennt sich stolze Schlampe und heißt „boys and girls and everyone in between“ willkommen. Das Publikum, das die Titelmelodie mitsingen kann, begrüßt die Drag-Stars, die mit kurzen Einspielfilmchen ihres Serien-Best-Offs auf die Bühne geleitet werden, mit hysterischem Kreischen. Die zeigen im Gegenzug ihren Po, definieren den Winkel zwischen Bein und Oberkörper neu, singen „Space Oddity“ in einer Version für Katzen, singen, als sei es die Halbzeitpause beim Super Bowl. Hier ist so viel Haarspray im Einsatz, man könnte damit das Ozonloch zukleben.

Welch perfekte Gelegenheit, um die Zwölf-Zentimeter-Heels rauszuholen und die Wimpern zu bürsten. Conchita-Wurst-Lookalikes und weniger stilsichere Crossdresser sind im Publikum. Wie schön eine Kunst ist, die ihre Betrachter zur selbigen motiviert. Getreu dem RuPaul-Motto „Liebe das Leben. Und teile das, was du liebst, mit anderen. Zeige ihnen, was besonders ist an dir“.

Dragqueens sind ja keine Travestiekünstler, also bloße Darsteller im Frauenkleid, keine Transsexuellen, also Menschen, die sich dem anderen Geschlecht angehörig fühlen, sondern das sind Männer in aufwendigster Art zu Frauen herausgeputzt. Sie posen, tanzen, singen, sie provozieren.

Jetzt könnte man sagen: Typisch Mann, selbst im Frausein will er der Beste sein, doch es hat etwas sehr Befreiendes, wenn Weiblichkeit als die Arbeit empfunden wird, die sie ist, und wenn dieser dann die Zunge herausgestreckt wird. „Als Dragqueen kann ich alles sein“, heißt es an diesem Abend, und darum geht es. Alles sein können, nichts sein müssen. Das alte Versprechen der US-Popkultur, in der wir regelmäßig ertrinken.

Hier ist so viel Plastik an Nägeln, an Brüsten verarbeitet, wäre es recycelt aus den Ozeanen, sie würden bald wieder sauber sein. Hier wird Unterwäschedesign gehuldigt, hier werden die funktionalsten Kleiderverschlüsse präsentiert. Hier wird Hillary Clinton parodiert, hier werden ganz allgemein gültige Weisheiten wie „Death is just around the corner“ verkündet.

Und am Höhepunkt des Abends kommt Katya dann in einem Titanic-Dampfer-Kostüm auf die Bühne, singt „My Heart will go on“ auf Russisch, bevor sie von einem Hüften schwingenden Eisberg gerammelt wird. Dazu betrachten wir Bilder von Leonardo DiCaprio, vom Sensenmann, von Anne-Geddes-Babys, von Ertrinkenden, von sinkenden Schiffen. Besser ist das Drama um die Bootsflucht nie kommentiert worden. Drag setzt der Welt eine Perücke auf.