Kultur

Jörg Immendorff: Die ersten Schritte als Revoluzzer

Als provozieren noch half: Eine Schau bei Veneklasen/Werner

Ein junger Mann läuft mit einem Holzklotz am Bein zum ehemaligen Bundestagsgebäude in Bonn. Der Klotz ist in den Farben der deutschen Flagge schwarz-rot-gold bemalt, darüber findet sich die Aufschrift „LIDL“. Weit kam der Störenfried allerdings nicht, die Polizei hielt ihn auf, und er musste sich in einem Verhör vor dem Verfassungsschutz wegen „Verunglimpfung der Bundesrepublik Deutschland“ verantworten. Bei dem Beschuldigten handelte es sich um keinen geringeren als den jungen Jörg Immendorff. Mit dieser Provokation startete der Künstler 1968 sein neo-dadaistisches LIDL-Aktionsprojekt. Bis 1970 fanden unter diesem Namen mehrere Kunstaktionen statt, wobei „LIDL“ ähnlich wie „Dada“ ein der Babysprache entnommenes Unsinnswort war.

Eine Ausstellung in der Galerie Veneklasen/Werner erinnert mit Relikten der Aktionen, Fotomaterial und Filmausschnitten an diese anarchistisch-revolutionäre Frühphase in Immendorffs Schaffen, lange bevor sich dieser ganz auf die Malerei konzentrierte und schließlich zu einem der bedeutenden Künstler der deutschen Nachkriegzeit avancierte. Damals noch Student an der Kunstakademie Düsseldorf stand er ganz im Banne seines Lehrers Joseph Beuys, für ihn eine Art Vaterersatz und künstlerisches Über-Ich.

Immendorffs Behausung wurde von der Polizei gestürmt

In der Ausstellung sehen wir die LIDL-Fahne oder das LIDL-Sportdress, das Immendorff 1969 auf einer der vielen Sportaktionen der LIDL-Gruppe trug, die Fußballspiele, Fahrradtouren, Schwimm- und Sportwettbewerbe organisierte. Sport war eine hoch demokratische Angelegenheit und damit von großem Reiz für Immendorff und seine Mitstreiter auf der Suche nach kollektiven Formen der Kunst.

Institutionskritik durfte da nicht fehlen: Die Kunstakademie mit ihren verkrusteten Strukturen war Immendorff längst zu eng geworden. Nach der LIDL-Logik sollten die Professoren verschwinden und die Studenten voneinander lernen. Daher wurde im Dezember 1968 die LIDL-Flagge auf dem Dach des Akademiegebäudes gehisst und in der Haupthalle kleine improvisierte Klassenräume aus Pappe errichtet. Eine Woche lang wollten die Studenten sich selbst unterrichten. Doch das Kulturministerium schickte die Polizei und ließ räumen. Immendorff wurde vorübergehend der Kunstakademie verwiesen.

LIDL verschrieb sich ganz der Utopie: Auf Tafeln und als Pappmodell entwarf Immendorff Pläne für eine LIDL-Stadt, als LIDL-Botschafter wählte er in dadaistischer Manier eine Schildkröte. Die kleinformatige Acrylserie „Alles über den Botschafter (LIDL)“ mit der Schildkröte in unterschiedlichen Situationen ist in der Ausstellung ebenso zu sehen wie Acrylbilder von Hunden und Eisbären, weiteren Versatzstücken der LIDL-Welt. 1969 schuf die Gruppe in einer ehemaligen Düsseldorfer Eisfabrik einen Stützpunkt für die LIDL-Akademie.

Das größte öffentliche Aufsehen erregten die LIDL-Aktionen 1968, als Immendorff an das Bonner Bundeshaus ein kleines provisorisches Papierhaus anbaute. Damit wollte er an die Macht andocken und sich als neuer Verteidigungsminister zur Verfügung stellen, für den Kampf im Innern zur demokratischen Erneuerung der Republik. Seine Behausung wurde von der Polizei gestürmt. Die Relikte der Aktionen von damals in der sehenswerten Ausstellung können das flammende Credo dieser Kunst-ist-für-alle-da-Programmatik naturgemäß nur indirekt vermitteln, einen Einblick in die Zeit der Studentenrevolte, in der Kunst und Politik vielfältig verschmolzen und man mit Flowerpower die Welt aus den Angeln heben wollte, gibt sie allemal.

Jörg Immendorff: LIDL Arbeiten und Aktionen aus den 60er-Jahren. Bis 23. April, Di–Sa 11–18 Uhr. Veneklasen/Werner, Rudi-Dutschke-Str. 26