Kultur

„Schreiben kann man nur aus Freude“

NobelpreisträgerImre Kertész ist mit 86 Jahren gestorben. Seine Werke sind autobiografisch

Sein Schreiben habe er immer als seine Privatangelegenheit aufgefasst, hat Imre Kertész anlässlich der Verleihung des Literaturnobelpreises an ihn im Jahr 2002 in seiner Rede gesagt: „Der Schriftsteller schreibt für sich selbst.“ Denn er wisse nicht, für wen er schreibe. Er könne nur davon ausgehen, wie er sich sein Publikum vorstelle, welche Ansprüche er ihm unterstelle und was jene Wirkung ausüben werde, die er erreichen möchte.

Er übersetzte Nietzsche, um sich zu finanzieren

Imre Kertész, der ungarische Ausnahmeschriftsteller, der zwei Diktaturen überlebte, hat mit seinen Romanen eine überwältigende Wirkung erzielt. Am Donnerstag ist er in Budapest im Alter von 86 Jahren und nach langem Leiden an der Parkinsonkrankheit gestorben. Man könnte behaupten, wenn es nur zehn zeitgenössische Romane gäbe, die man in seinem Leben gelesen haben sollte, gelesen haben muss, dann zählt Kertész „Roman eines Schicksallosen“ unbedingt dazu.

Kertész konnte gar nicht anders, als sich sein Publikum vorzustellen. Er hat die 13 Jahre, die er an dem Roman arbeitete, der 1973 erschien, ihn aber erst viel später, Mitte der 90er-Jahre, weltberühmt machen sollte, in der Isolation, der inneren Emigration, verbracht. „Was ein Mensch erlebt, sieht und schmeckt, das ist die Welt. Ich bin die Welt“, und so erklärt es sich auch, dass uns seine Romanfiguren, auch wenn wir ihr Schicksal nicht teilen, so spürbar ergreifen und nahe sind, dass wir ihre Erfahrungen und Gedanken, die nie erklärt werden, sondern einfach geschehen, so intensiv mitempfinden.

Sein Leben finanzierte Kertész mit dem Schreiben von Unterhaltungsstücken, dem Übersetzen von Nietzsche, Heidegger, Wittgenstein, Schnitzler, Canetti. Seine Frau kellnerte. Knapp 40 Jahre lebte er in einer 28 Quadratmeter großen Einzimmerwohnung in Budapest, die er nur abends verließ. „Ich sitze in einem Mauseloch.“

Ungarn war in den 50er- und 60er-Jahren eine kommunistische, antisemitische Diktatur. Für Kertész, der als nur einer der wenigen von 400.000 ungarischen Juden, die von den Nazis in die Gaskammern geschickt worden waren, Auschwitz und Buchenwald unter einem Berg von Leichen überlebte, war sein Leben unter den Kommunisten „die Fortsetzung meines Konzentrationslagerlebens. Die Lügerei, die Angst, die Freiheitsberaubung, die Geschlossenheit des Systems, das einen verfolgte. Alles ist weitergegangen“. In seiner Wohnung hat er alles erdacht, was er später geschrieben hat, wie Kertész einmal erklärte. „Ich habe mich damals zwar sehr bedrückt gefühlt, aber ich fühlte auch diese unvergleichliche Freiheit, eine Welt, eine Romanwelt ohne Rücksicht erschaffen zu können.“

Imre Kertész war ein heiterer, höflicher Mensch – ein letzter charmanter Vertreter der österreichisch-ungarischen K.-u.-k.-Tradition –, sodass man sich gerne der Illusion hingegeben hätte, das Leben habe ihn gut behandelt. Er hat seinen Lebensweg immer als „absurd“ bezeichnet. „Es hat in meinem Leben nur sieben glückliche Jahre gegeben, die Jahre zwischen 1982 bis 1989. Ich war verliebt, eingesperrt, habe nur gearbeitet. Ich hatte nie genügend Geld, keinen Führerschein.“

Kertész war 25 Jahre alt, als ihm schlagartig klar wurde: „Ich bin nicht einfach nur ein Mensch, der Auschwitz überlebt hat, sondern es ist eine großartige Geschichte mit mir passiert. Und das muss ich ergreifen.“ Sein Lebensthema wurde die Biegsamkeit, die Anpassungsfähigkeit des Menschen, selbst wenn er sich an ein Vernichtungssystem wie das in Auschwitz anpasst. „Ich wollte nie ein großer Schriftsteller werden, ich wollte immer nur verstehen, warum Menschen so sind.“

Mehr noch als bei anderen Schriftstellern sind bei Kertész Biografie und Romane miteinander verbunden. Der 14-jährige Held im „Roman eines Schicksallosen“, dem Persönlichkeit und Schicksal geraubt werden, versucht zu verstehen, dass es „natürlich“ ist, dass er ausgemerzt werden soll. Er erkennt kühl und klar die Gleichgültigkeit der Welt: „Ich hatte das einfache Geheimnis der mir zugedachten Welt begriffen: überall und jederzeit erschießbar zu sein.“ So wie der 15-jährige Kertész bei der Selektion in die Todeskammern sein erstes jiddisches Wort ausspricht: „sechzain“, das zu einer allgemein menschlichen Erfahrung des Hoffens, des Überlebens wird. Denn mit 16 kann man arbeiten und vorübergehend weiterleben.

Kertész sagte in seiner Nobelpreisrede: „Ich habe im Holocaust die Situation des Menschen erkannt, die Endstation, an der der europäische Mensch nach 2000 Jahren ethischer und moralischer Kultur angekommen ist.“ Beim Schreiben durchlitt er nicht sein eigenes Leben. „Im Gegenteil. Ich habe mich amüsiert. Schreiben kann man nur aus Freude.“

In Berlin lebte er einige Jahre nahe dem Kurfürstendamm

Er hielt 2003 die Festrede zur Feier der deutschen Wiedervereinigung, las 2007 zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag, bekam den Orden Pour le Mérite und das Bundesverdienstkreuz. Seinen Weltruhm sah er immer kritisch, den Nobelpreis nannte er seine „Glückskatastrophe“. Zu jedem Gedenktag der Konzentrationslager hat er Einladungen bekommen: „Ich hätte von einem KZ zum anderen laufen können. Wie in guten alten Zeiten.“

In seinem „Dossier K.“ (2006) schrieb er: „Man lädt dich zu Jahrestagen ein, nimmt dein zögerndes Gesicht, deine stockende Stimme auf Filmbändern auf, du merkst gar nicht, dass du zum kitschigen Nebendarsteller in der falschen Erzählung geworden bist und deine Geschichte, die du langsam selbst am wenigstens verstehst, verramschst.“ Auschwitz und der Nobelpreis waren für ihn nicht zusammenzubringen.

Zwischen 2002 und 2012, als Kertész in Berlin, nahe dem Kurfürstendamm, lebte (er beschreibt es im Tagebuch „Letzte Einkehr“), konnte man ihn oft mit seiner Frau Magda in der Kaminhalle im „Hotel Kempinski“ sitzen sehen. Damals schrieb er: „Es gibt ein Arbeitszimmer und ein Paar blauer Augen, das mein Leben begleitet. Ich bekenne: Ich bin glücklich.“