Kultur

Berichte aus der Unterschicht

Streuner und Versager: Der amerikanische Erzähler Daniel Woodrell kennt sich im Milieu aus

White trash ist der in seiner ganzen Verachtung Begriff der amerikanischen Gesellschaft für die Menschen, die wir hierzulande abwechselnd als Asoziale, Unterschicht oder nunmehr als Prekariat markieren. In der deutschen, oftmals eher selbst reflektierenden Mittelstandsliteratur werden die Protagonisten des Prekariats und das Scheitern der sozialdemokratisch eher sperrig und nüchtern formulierten Idee der Teilhabegesellschaft selten als sexy genug empfunden, ihnen ein ganzes Buch zu widmen. Anders in den USA, wo die Illusion des amerikanischen Traums und der vermeintliche „Abschaum“ schon oft die Folie für die großen Geschichten in Literatur und Film geliefert haben.

Daniel Woodrell nun ist ein Autor, der sich meisterhaft auf dieses Milieu versteht. Sein Roman „Winters Knochen“ lieferte die Vorlage für den gleichnamigen Film mit Jennifer Lawrence, der für vier Oscars nominiert war. Sein bereits Ende der 90er-Jahre erschienener Roman „Tomatenrot”, der jetzt in neuer Übersetzung noch einmal einen Anlauf auf den deutschen Markt nimmt, ist ebenso geradezu eine Ballade auf die Hoffnungslosigkeit der Unterschicht.

Sammy Barlach ist ein Streuner, ein Versager, der nirgendwo einen Platz zu finden scheint. Unter Drogeneinfluss begeht er ziemlich stümperhaft einen Einbruch und lernt dabei ein Geschwisterpaar kennen, dem er sich anschließt. Jamalee, das Mädchen mit den tomatenroten Haaren, ist intelligent, hat gegen Geld an der Schule Aufsätze geschrieben, die mit Bestnoten bewertet wurden, die sie für ihre Arbeiten nie bekommen hätte, weil sie eben asozial ist. Sie und ihr Bruder Jason haben einen festen Plan, wie sie dem Milieu entkommen wollen. Jason, wunderschön, jung, schwul, macht eine Friseurausbildung, die die Grundlage für den Aufstieg legen soll, sobald sie die hoffnungslose Kleinstadt verlassen können. Die Frauen stehen auf Jason genauso wie Männer, ein Kapital, das Jamalee eiskalt nutzen will. Ihre Mutter, Bev, ist schon immer Prostituierte gewesen, und Sammy beginnt trotz seiner Bewunderung für Jamalee eine Affäre mit ihr.

Diese Geschichte kann nicht gut ausgehen. Jason wird ermordet, der Haltsuchende kann mit seinem erneuten Streunertum nicht umgehen, das Ganze endet in einer Tragödie, und der Leser weiß das von Beginn. Nichts an dieser Geschichte ist dabei besonders originell, nichts ist nicht irgendwie vorhersehbar, ja vieles ist sogar ganz Klischee. Aber genau das macht dieses Lied des Scheiterns so prägnant. Woodrell zeigt in seinem schmalen, ganz unpathetischen Roman, wie es ist, wenn Straßenzüge, Häuser, Möbel, sogar Nahrungsmittel einem das Wort „Abschaum” ins Gesicht schleudern und welche Hoffnungslosigkeit und welchen Selbsthass gesellschaftliche Ausgrenzung hervorruft. Es ist die Perspektive, die Welt auch wirklich aus den Augen von Sammy und Jamalee zu sehen, die das Buch so lesenswert macht. Der Golfclub wird zur Inkarnation der anderen, der da oben, der „guten“ Gesellschaft, der in dieser Geschichte mithilfe von ein paar Wildschweinen sehr in Mitleidenschaft gezogen wird.

„Das kennen Sie doch auch, man macht was, und das Ganze geht in die völlig falsche Richtung“, sagt Sammy an einer Stelle. So geht die Ballade langsam ihrem Ende zu, wo dann nur noch die erstaunliche Erkenntnis bleibt, dass ein Kopf auch nur ein „Kürbis mit Ohren“ ist, „wenn er zerplatzt“.