Kultur

Elke Heidenreich und ihr Feng Shui der Seele

Paula ist rigoros. Mit derselben Absolutheit, mit der sie nach der Trennung von ihrem Mann Karl den Ehering in der Toilette hinunterspült, lässt sie eines Tages auch die geliebten Spielsachen ihrer kleinen Elke verschwinden. Die Tochter reagiert ebenso entsetzt wie hilflos. Sie wird sich im Laufe der Zeit zu einer großen Sammlerin entwickeln, hortet Fotos, Tagebücher, Briefe – und nicht zuletzt jede Menge Notizen.

Elke Heidenreich hat mit 70 Jahren angefangen, ihr „gründlich verwahrtes Leben“ in Schubladen und Kisten auf dem Dachboden aufzuräumen und auszumisten. Eine Art Feng Shui der Seele. Was sie fand und nach langer Zeit immer noch als relevant einstufte, hat sie geschickt neu geordnet – nicht chronologisch, sondern alphabetisch: von A wie „Allein“ (in der Fremde) bis Z wie „Zettel“, auf denen sie seit Jahrzehnten, wie sie verrät, besondere Momente, Gedanken, Beobachtungen, Erkenntnisse, schöne Sätze, manchmal auch Absurditäten des Alltags festhalte: Erinnerungshilfen und nun Fundus ihres bewegenden „Lebens-Romans“ mit dem Titel „Alles kein Zufall“.

Geboren mitten im Zweiten Weltkrieg in bescheidenen Verhältnissen und nach dem Auseinandergehen der Eltern in den 50er-Jahren zeitweise bei einer Pflegefamilie aufgewachsen, erzählt die Bestsellerautorin („Kolonien der Liebe“, „Nero Corleone“) – mal lustig, mal ernst – aus ihrer Vergangenheit in 187 Häppchen, verteilt auf 234 Seiten. Entsprechend kurz sind die Geschichten, manchmal nur vier, fünf Zeilen lang. Heidenreichs Lesepublikum muss also viel umblättern.

Inhaltlich geht es um eine nicht gerade unbeschwerte Kindheit und Jugend, lange vorbei, aber immer noch präsent, um Bekanntschaften mit begehrenswerten Männern und Freundschaften mit selbstbewussten Frauen, um aufgeschnappte Dialoge, um Hunde, Katzen und den Feuersalamander Lurchi (der auch das Buchcover ziert), ums Schwarzfahren als Studentin, eine alte Dame in der Obstabteilung eines Supermarkts oder um einen jungen Handy-Telefonierer im engen Bahnabteil. Ein Sammelsurium an Banalitäten? Gar nicht, denn am Ende haben sich die Mosaiksteinchen zu einem großen Ganzen verdichtet, zu einem einzigartigen Bild eines einzigartigen Lebens mit allen Höhen und Tiefen. „Mein Unglücklichsein ... war und ist die Quelle aller Kreativität, was ich schreibe, was ich denke – es kommt immer aus Ecken, wo es dunkel ist und weh tut“, sagt die Wahl-Kölnerin. Angetrieben ebenso von einer unbändigen Lust auf Abenteuer wie der Freude an Musik und Literatur, zeigt sie sich als eine im Grundton bis heute kämpferisch gebliebene, „schnell entflammbare“ Frau, die sich einerseits mehr Gelassenheit wünscht, andererseits in ihrem Temperament nicht bremsen lassen möchte.