Kultur

Ein Intellektueller soll es richten

Die American Academy findet nach langer Suche mit Michael Steinberg einen Präsidenten

Im Mai 2014 gab Gary Smith bekannt, dass er zum Ende des Jahres die American Academy verlassen wird. Schon im gleichen Monat beschäftigte sich der Aufsichtsrat mit der Kandidaten-Shortlist. Was folgte, war eine Übergangslösung. Gerhard Casper, der ehemalige Präsident der Stanford University, übernahm die Aufgabe interimistisch. Zwei Jahre nach der angekündigten Demission Smiths konnte die American Academy am Donnerstag nun einen Nachfolger vorstellen, der sich längerfristig an das Haus am Wannsee binden möchte. Je nach Sichtweise kann diese ungewöhnlich lange Suche nach einem geeigneten Nachfolge für eine besonders sorgfältige Findungskommission sprechen oder ein Hinweis darauf sein, dass der Posten vielleicht doch nicht ganz so begehrt ist.

Wie dem auch sei, der 59-jährige Michael Steinberg stellte sich am Donnerstag der Presse vor, ab dem 15. August wird er seine Arbeit in Berlin aufnehmen. Er ist Professor für Geschichte wie auch Professor für Musik an der Brown University in Rhode Island. Berlin ist für ihn ein gutes Pflaster, er sei, als er erstmals vor zwölf Jahren in Wannsee war, ein „sehr glücklicher Fellower“ gewesen. Michael Blumenthal, der langjährige Direktor des Jüdischen Museums habe sich damals seiner angenommen und ihn gefragt, wen er denn in Berlin kennenlernen wolle – Michael Steinberg entschied sich für Daniel Barenboim. Dass deren Treffen durchaus erfolgreich war, zeigt sich daran, dass Michael Steinberg zwischen 2009 und 2013 als Dramaturg die „Ring der Nibelungen“ verantwortete, eine Koproduktion von Staatsoper und Mailänder Scala. Über Richard Wagner hat er auch ein Buch geschrieben, das kurz vor der Veröffentlichung steht. Über die Schriftsteller Hermann Broch und Walter Benjamin hat er bereits Studien verfasst, ein genuines Interesse an deutschsprachigen – und nicht unbedingt eingängigen – Künstlern ist also schon länger bei ihm vorhanden.

Michael Steinberg ist in New York geboren und Sohn deutsch-jüdischer Auswanderer, auch seine Frau hat deutsche Wurzeln. Sie werden in Berlin einen festen Wohnsitz haben, er freue sich auf die „sehr schöne Aufgabe“. Was genau aber nun seine Ziele und Vorstellungen sind, war an diesem Vormittag nicht ganz ersichtlich. Er sprach von „globalen Herausforderungen“, die es zu lösen gelte und man erahnte, dass er interdisziplinär und mit anderen Instituten und Organisationen in der Stadt zusammenarbeiten möchte, aber das sagen im Grunde alle, die neu in Berlin als Führungskraft in der Kultur anfangen. Insofern bestätigt Michael Steinberg eine ungeschriebene Regel in der Managementliteratur, dass jeder neuer Chef stets das Gegenteil des Vorgängers verkörpert. Während Gary Smith dominant und omnipräsent auftrat, sind Michael Steinbergs Antworten vorsichtig, zumeist vage, er hält sich zurück, bleibt diplomatisch und wirkt zuweilen schüchtern. Sein erster Satz an diesem Vormittag, gerichtet an die Mitglieder der Findungskommission, ist: „Hoffentlich haben sie keinen Fehler gemacht“, und er war nicht kokett gemeint. Er werde die früheren Fellower – also die einstigen Gäste der American Academy – anschreiben und sie um Vorschläge bitten, wie sie die Zukunft der Academy sehen.

Sein Vertrag gilt für fünf Jahre, seine Zeit in der Stadt beginnt mit einer schwierigen Aufgabe, er muss sich eine Wohnung in der Stadt suchen. Denn für den Präsidenten ist kein Platz in der glanzvollen Villa am Wannsee.