Kultur

Rastloser Virtuose und Visionär

Er pflegte eine Hassliebe zu Berlin. Und die Stadt zu ihm. Zu seinem 150. Geburtstag wird Ferruccio Busoni nun mit Konzerten gedacht

Heute gehören Namen wie Elgar, Saint-Saens, Bartók und Berlioz auch in Deutschland zum Kanon der klassischen Musik. Das ist jedoch nicht Begeisterungsstürmen des zeitgenössischen Publikums zu verdanken, sondern der Experimentierfreude eines Mannes: Dem Komponisten, Pianisten und Theoretiker Ferruccio Busoni, dessen Geburt sich an diesem Freitag zum 150. Mal jährt. Ein musikalischer Kosmopolit und Visionär, der viele Werke in Berlin zur Erstaufführung brachte, und damit nicht immer auf offene Ohren stieß.

Nach Berlin war der in der Toskana geborene Sohn eines korsischen Klarinettisten und einer österreichischen Pianistin 1894 gekommen – zusammen mit seiner schwedischen Frau und dem gemeinsamen Sohn. Da hatte er bereits eine halbe Karriere hinter sich: Studium als Wunderkind in Wien, danach Anstellungen in Helsinki, Moskau und Boston. Das aufstrebende Berlin, zentral gelegen, empfahl sich schließlich als Ausgangspunkt für die ausgedehnten Konzertreisen des rastlosen Virtuosen. Dabei war sein erstes Urteil nicht gerade milde: Berlin sei eine „irritierende, untätige, arrogante und parvenuhafte“ Stadt.

Doch der „Großstadtstrolch“, wie er sich selbst nannte, konnte nicht ohne eine Metropole wie Berlin. „Heilig ist die Großstadt“, schwärmte er einmal, „Ich brauche sie, und sie hat meinesgleichen nötig. Aber während sie mich kaum bemerkt, liebe ich sie und kann sie nicht missen.“ Busoni bezog eine Wohnung am Victoria-Luise-Platz in Schöneberg, in der er fortan Schüler zum Unterricht an zwei Flügeln empfing und seine umfangreiche Bibliothek pflegte. Als er 1913 die Leitung einer Musikschule in Bologna übernahm, hielt er es nicht lange aus. Das Umfeld war ihm musikalisch zu unterentwickelt, er floh zurück nach Berlin. Der Stadt blieb er mit einer weiteren Unterbrechung während des Ersten Weltkriegs bis zu einem Tod 1924 treu.

Dabei machten es ihm die Berliner nicht einfach. Zwischen 1902 und 1909 organisierte und dirigierte Busoni in Berlin insgesamt zwölf „Novitäten-Konzerte“. Auf dem Programm standen zeitgenössische Werke aus dem Ausland, die dem Publikum noch unbekannt waren. Die Kulturpolitik der Zeit förderte solche Werke kaum – vor allem, wenn sie nicht deutscher Herkunft waren. Ganz auf dieser Linie warfen sich die Berliner Kritiker inbrünstig auf Busonis „Experimentierbühne“. So klagte ein Rezensent über das Programm des ersten Konzertabends: die Werke seien „Erzeugnisse nur einer Richtung“. Bei Elgars „Prelude and Angels Farewell“ urteilte er, kein „musikalischer Gedanke“ sei für die vielen „Missklänge und Disharmonien“ Entschädigung gewesen.

„Du weißt, ich brauche gute Waffen zu meinem Kampfe gegen die Berlin-Kritik“, schrieb Busoni anfangs noch kampfeslustig an den Freund und Komponisten Jean Sibelius, den er zu einem Gastauftritt bewegen wollte. Doch nach sechs Jahren stellte Busoni resigniert fest, „dass die Orchesterabende immer noch missverstanden wurden“. Immerhin: Manches Werk von Elgar oder Bartók, das er in Berlin eingeführt hatte, wurde inzwischen allerseits gewürdigt; die harschen Kritiken hatten sich als leere Polemiken entpuppt.

Bis heute ist die Berliner Busoni-Gedenkkultur ein zartes Pflänzchen: Die Staatsbibliothek, die seinen Nachlass beherbergt, ehrt den Komponisten im Herbst mit einer Ausstellung. Dem Salzburger Professor Claudius Tanski ist es zu verdanken, dass Busoni an seinem Geburtstag auch zu hören sein wird. Zusammen mit einigen Studenten und Absolventen konzertiert er am Freitag auf dem Friedhof in der Stubenrauchstraße. Direkt neben dem Busoni-Grabmal wird dann ein Pianino stehen, bei schlechtem Wetter beschützt durch ein Zelt. Auf dem Programm stehen Werke von Bach, Mozart und Busoni.

Oft verkannt wurde nicht nur Busonis Einsatz für seinen zeitgenössischen Komponisten. Auch mit den eigenen Werken stieß er auf Unverständnis, besonders mit seinen Bach-Bearbeitungen. Ein Kritiker beklagte eine „lächerliche Grenzüberschreitung“, als er eine von Busoni für Klavier bearbeitete Orgel-Fuge Bachs hörte. Busoni sah sich jedoch nicht als Interpret Bachs. Vielmehr sah er in dessen Werk die „Ur-Musik“, auf der er aufbauen wollte. So entstanden Stücke wie die „Fantasia contrappuntistica“, in der er Bach’sche Prinzipien der Polyphonie auf die Spitze trieb. Der freiheitsliebende Busoni komponierte Musik, die sich weder in die Schublade der damals vorherrschenden Traditionalisten noch der entstehenden Avantgarde stecken ließ. Zukunftsweisend war sie allemal. In einem seiner Essays nahm er denn auch spätere Entwicklungen wie die Mikrotonalität und Serialismus vorweg.

Busoni wollte alle Möglichkeiten seines Instruments ausschöpfen

Unter den Musikerinnen, die am Freitag Busonis Genie Geltung verschaffen wollen, sind die 18-jährige Elisabeth Lingthaler und die 28-jährige Sara de Ascaniis. Ähnlich wie Busoni kehrte die Italienerin nach dem Studium bewusst nicht in die Heimat zurück. Die Lage für Musiker sei dort nicht einfach, Orchester würden geschlossen. In der Hinsicht könne sie Busonis Flucht aus Bologna nachvollziehen. Auch heute noch, erzählt de Ascaniis, sei Busoni nicht bei allen beliebt. „Es gibt viele Pianisten, die bei mancher Transkription finden: Das ist doch eigentlich ein Stück für die Geige. Sie sind irritiert.“

Diese Reaktion verkenne jedoch den Reiz der Musik. Busoni habe nicht bestehende Musik übersetzen, sondern mit seinem Instrument neu entdecken wollen. „Busoni wollte alle Möglich­keiten seines Instruments ausschöpfen.“ So sind manche Stücke nicht ohne das mittlere Sostenuto-Pedal zu spielen. Die sehr präzisen Anweisungen sind es, die auch für Elisabeth Lingthaler ein besonderes Merkmal der Kompositionen darstellen. Das könne intellektuell sehr anregend sein: „Man fängt an, sich über den Interpretationsansatz Gedanken zu machen – findet man ihn richtig oder nicht?“

Konzerte Am Freitag um 12 Uhr findet an Busonis Grab auf dem Friedhof Stubenrauchstraße ein Open-Air-Konzert statt. Wiederholt wird die Aufführung
um 19 Uhr in der Kirche St. Marien.