Kultur

Roger Cicero: Er konnte so viel, er wollte noch so viel

Roger Cicero stirbt im Alter von 45 Jahren. Er war ein Mann mit vielen Talenten, mal laut, mal leise, gut gelaunt und voller Pläne.

Foto: Reto Klar

Es schien, als habe er sich nach einem Zusammenbruch und mehrmonatiger Auszeit im vergangenen Jahr wieder erholt. Noch am 18. März trat der Jazz-Sänger Roger Cicero live in der Abendschau des Bayerischen Fernsehens auf. Seine ausverkaufte „Sinatra“-Tour sollte im April fortgesetzt werden, am 10. April wollte er im Friedrichstadt-Palast singen.

Doch nach dem TV-Auftritt in Bayern verschlechterte sich sein Zustand plötzlich wieder. Er musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Am Gründonnerstag ist Roger Cicero im Alter von nur 45 Jahren an den Folgen eines Hirnschlags gestorben.

Ein Tod, der für alle überraschend kam. Der in Berlin geborene Sänger, der in Hamburg lebte, hatte im vergangenen November wegen eines akuten Erschöpfungssyndroms mit Verdacht auf Herzmuskelentzündung seine kompletten Ak­ti­vitäten für 2015 abgesagt. Beruflicher Stress und ein verschleppter Virus wurden als Auslöser ausgemacht. „Noch nie habe ich so einen Kontrollverlust über meinen Körper erlebt“, sagte Cicero damals gegenüber der „Bild“. „Wenn man von einem Tag auf den anderen körperlich so ausgebremst wird, muss man diesen Schock erst einmal verarbeiten.“

Feuer und Flamme für Berlin

Roger Cicero war ein kreativer Grenzüberschreiter. Er verstand es, mühelos den angloamerikanischen Swing der frühen Jahre mit zeitgemäßen deutschen Texten zu verbandeln. Er wusste sich unterschiedlichster Stilmittel zu bedienen, um seinen ganz persönlichen Sound zu formen. Mit dem Doppel-Platin-Album „Männersachen“ von 2006 öffnete er sich Richtung Pop und Chanson, auf dem Folgealbum „Was immer auch kommt“ schlug er dann wieder leisere Töne an. Und sein Publikum liebte ihn dafür.

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Obwohl er sich in Hamburg niederließ, war seine Liebe zu Berlin stets ungebrochen. In einem Gespräch mit der Berliner Morgenpost schwärmte er noch im vergangenen Jahr von seiner Geburtsstadt. „Ich muss sagen, dass mein Lebensmittelpunkt jetzt schon sehr lange in Hamburg ist und mir eigentlich immer erst auffällt, dass ich Berlin vermisse, wenn ich in Berlin bin“, sagte er. „Sobald ich in der Stadt ankomme, bin ich immer Feuer und Flamme und genieße dieses Aufregende und Pulsierende, das man eben nur dort findet. Wenn ich den Funkturm sehe, schlägt mein Herz höher. Glücklicherweise ist es von Hamburg ja global gesehen nur ein Katzensprung, und ich bin oft in Berlin.“

Sinatra-Bühnenprogramm war eine Herzensangelegenheit

Der Sohn der Tänzerin Lili Cziczeo und des Pianisten Eugen Cicero wurde geprägt vom Jazz seines berühmten Vaters, der mit seinem Trio in den 60er- und 70er-Jahren erfolgreich Klassik mit Jazz verbunden hatte. Roger Cicero ging noch einen Schritt weiter und gab dem eingängigen Jazz eine Stimme.

Cicero hat in seiner Karriere acht Studioalben veröffentlicht, von denen sich sechs weit oben in den deutschen Charts platzierten. 2007 vertrat er Deutschland beim Eurovision Song Contest in Helsinki, belegte aber mit „Frauen regier’n die Welt“ nur den 19. Platz. Auch der DFB-Fansong von 2012, „Für nichts auf dieser Welt“, ging auf sein Konto.

Zuletzt erschien Ende vergangenen Jahres das Live-Album „Cicero Sings Sinatra – Live in Hamburg“. Eine Herzensangelegenheit. Anlässlich des 100. Geburtstags von Frank Sinatra hatte Roger Cicero ein Bühnenprogramm mit Sinatra-Klassikern auf die Beine gestellt, das er bei einem Konzert im Rahmen der Sommerreihe „Classic Open Air“ auf dem Gendarmenmarkt mit seiner Big Band und Gästen live vorgestellt hatte. Da sang er vorzugsweise stilecht auf Englisch.

Als Schauspieler im Film "Hilde"

Die große Liebe zu Sinatra wurde schon während seiner Studienzeit an der Amsterdamer Hochschule für Musik Anfang der 90er-Jahre entfacht, als ihm ein Kommilitone Sinatras Album „Live At The Sands“ vorgespielt hatte. Die auf das Wesentliche reduzierten Big-Band-Arrangements hatten ihn stark beeindruckt. All das wollte er mit seiner eigenen Big Band auf seine Weise umsetzen.

Schon als Jugendlicher hatte er erste Auftritte, etwa mit dem Rias Tanzorchester. Er spezialisierte sich früh auf den Swing der 40er- und 50er-Jahre. 2003 gründete er das Roger-Cicero-Quartett, später dann seine eigene Big Band. Selbst als Schauspieler versuchte sich der immer gut gelaunte. 2008 war er im Kinofilm „Hilde“ als Musiker Ricci an der Seite von Heike Makatsch zu sehen. Der Porkpie-Hut wurde sein Markenzeichen. Die Vereinigung der Deutschen Hutfachgeschäfte hatte ihn zum „Hutträger des Jahres 2015“ gekürt.

"Lieber Roger, ich werde dich sehr vermissen!!"

Für seine beiden aktuellen Projekte „Cicero sings Sinatra“ und „The Roger Cicero Jazz Experience“ wurde er für den Musikpreis Echo 2016 nominiert. Die Sinatra-Hommage war sein letztes großes Projekt, in das er all seine Energie legte. Anfang März hatte er bereits Interviews gegeben mit Blick auf die kommenden Konzerte.

Mit großer Bestürzung haben Fans und Kollegen nun die Nachricht von seinem Tod aufgenommen. „Fassungslos und traurig! Ich vermisse Dich!“ schreibt Sänger Xavier Naidoo auf Facebook. Sasha schreibt: „Einer der brillantesten Sänger unserer Zeit ist völlig unverständlicherweise von uns gegangen. Ein geschätzter Kollege und lieber Freund. Ich verstehe es nicht, mein Schock und meine Trauer sind groß!!! Lieber Roger, ich werde dich sehr vermissen!!“ Und Sängerin Annett Louisan kondoliert auf Facebook: „Was für eine traurige Nachricht. Gute Reise, lieber Roger.“