Klassik-Kritik

Eine Virtuosin mit besonders langem Atem

Trompeterin Alison Balsom beim Deutschen Symphonie-Orchester

Einen Blütensturm an Obertönen jagt die englische Trompeterin Alison Balsom durch die Philharmonie, als sie die Kadenz in Joseph Haydns Trompetenkonzert gestaltet. Das Publikum hält den Atem an, manchem Blechbläser des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin steht der Mund offen. Die 37-Jährige spielt die Virtuosenstelle über einen besonders langen Atem wie ein mathematisch-akobatisches Kunststück, wobei sie gleichzeitig mit beiden Beinen fest auf der Bühne steht. Auch wenn man das Gefühl hat, dass sie zu schweben scheint. Für zweieinhalb unglaublich spannungsreiche Sekunden holt sie Luft und setzt zum nächsten Wirbel an.

Alison Balsom ist in Großbritannien ein Superstar, gibt viele Werke in Auftrag, um noch mehr Tonräume für ihr Instrument erschließen. Darin ist sie dem einstigen Esterházyschen Hoftrompeter Anton Weidinger ähnlich, der als Tüftler die Naturtrompete mit Klappen versah und so die heutige Konzerttrompete erfand. 1796 bat er Haydn, ihm dieses Solokonzert zu schreiben. Noch vier Jahre dauerte es, bis das neue Instrument die Möglichkeiten hatte, die sich Weidinger vorstellte und er das Werk zum ersten Mal aufführte. Heute ist es Pflichtstück für jeden Trompeter, aber Alison Balsom macht es auf außergewöhnliche Weise zu ihrem eigenen.

Mit dem Dirigenten Trevor Pinnock hat die Trompeterin schon vielfach gearbeitet, das gemeinsame Musizieren klingt deshalb nicht wie ein glückliches Zusammentreffen, sondern wie eine gemeinsame Forschungsmission, auf der die beiden diesmal das DSO begleiten darf. Das Orchester tut dies sichtlich mit Wonne. Schon beim Vorspiel, Auszügen zu dem Ballett „Die Geschöpfe des Prometheus“ von Ludwig van Beethoven. Das dreisätzige Stück ist eine Seltenheit, setzt Beethoven doch beispielsweise in seinem späteren Werk die Harfe nie wieder ein. Trevor Pinnock, lange Jahre Pionier der historischen Aufführungspraxis, hält die Gestaltung hier ganz transparent und nie laut. Die Atmosphäre ist lichtdurchflutet, weshalb Haydns Trompetenkonzert anschließend so ohne Patina gelingen kann.

Auf beeindruckende Weise offenbart sich auch Franz Schuberts C-Dur-Symphonie im zweiten Teil des Konzertes. Trevor Pinnock demontiert den Klangkörper unmerklich und setzt ihn als Mosaik individueller Edelsteine wieder zusammen. Jeder Musiker strahlt heute für sich selbst, keiner jedoch heller als es seiner Funktion in der Symphonie gebührt. Was für ein aufregendes Erlebnis, die fast schwebenden Hörner am Anfang, gefolgt vom ebenholzschwarzen Klang der Posaunen. Das Werk strahlt von einer kompakten Kraft, ohne gewalttätig zu werden oder Energie zu verpulvern. Fast tänzerisch ist der zweite Satz, das vordergründig Militärische, dem sonst viele Dirigenten Raum geben, verschwindet. Stattdessen werden die changierenden Temperaturen erkennbar, in denen Schubert komponiert; das in Momenten gar ins Träumerische Abschweifende. Das Werk erhält durch Trevor Pinnock einen sehr ursprünglichen Sinn, ohne didaktisch zu wirken. Bravo für einen dreifach aufschluss- und genussreichen Abend.