Kultur

„Die Philharmoniker gehören zu meiner Familie“

Geiger Guy Braunstein spielt mit früheren Kollegen in Berlin einen Brahms-Zyklus

Als Claudio Abbado sein letztes Konzert bei den Berliner Philharmonikern im Mai 2013 dirigierte, saß Guy Braunstein als Erster Konzertmeister am vorder-sten Pult. Abbado hatte den jungen israelischen Geiger im Jahr 2000 nach Berlin verpflichtet. Nach dessen Weggang hatte Braunstein lange unter Simon Rattle gespielt. Und plötzlich seine Konzertmeisterstelle aufgegeben, was viele verwundert hat. „Obwohl es nur drei Jahre her ist, dass ich das Orchester verlassen habe, kommt es mir viel länger vor“, sagt er, „wahrscheinlich, weil in der Zwischenzeit so viel passiert ist. Aber die Philharmoniker gehören zu meiner Familie. Es war eine schöne, wichtige Zeit in meinem Leben. Aber irgendwann wusste ich, dass ich in meinem Leben etwas anderes machen musste.“

Rund 100 Konzerte weltweit gibt der Geiger, Jahrgang 1971, der sich selbst spöttisch als sehr chaotisch und ein bisschen kindlich bezeichnet, jetzt im Jahr. In den Berliner Konzertplänen taucht sein Name regelmäßig auf. Derzeit stellt er in acht Konzerten das quasi kammermusikalische Gesamtwerk von Johannes Brahms vor. „Es ist die schönste Musik, die es gibt“, sagt er über die 24 Werke, die dabei aufgeführt werden: „Brahms ist perfekter als alle anderen. Bei Beethoven gibt es abrupte Schaffensphasen. Bei Brahms hingegen entwickelt sich alles Schritt für Schritt. Bei seiner Musik kann man die Augen schließen, und das ganze Leben ist darin enthalten. Liebe wie Drama.“

Bei diesem Brahms-Zyklus sind auch frühere philharmonische Kollegen mit dabei. Heute spielen etwa Hornist Stefan Dohr und Cellist Olaf Maninger im Kammermusiksaal mit. Wenn er in Berlin sei, sagt Braunstein, würde er die Konzerte seines alten Orchesters besuchen. Natürlich sei er auch gespannt, wie es mit Rattles Nachfolger Kirill Petrenko weitergeht. „Er hat die Philharmoniker nur dreimal dirigiert, zwei Programme habe ich als Konzertmeister mitgemacht. Beim ersten war ich zu spät nach Berlin zurückgekommen, um das Programm mitspielen zu können. Aber Kollegen haben mich angerufen und gesagt: Wir haben einen jungen Dirigenten, den musst du unbedingt hören. Jedes Orchester ist neugierig auf neue Dirigenten, aber deswegen wird nicht jeder gleich Chefdirigent. Petrenko ist etwas Besonderes.“

Inzwischen steht Braunstein selbst am Dirigentenpult, obwohl er das so nie geplant hatte. Vor einigen Jahren war er als Rattle-Ersatz für Konzertvorbereitungen beim Eisler-Hochschulorchester eingesprungen. Es folgte ein Pilotprojekt, indem er als Solist auftrat und dirigierte. „A la Daniel Barenboim, nur mit der Geige. Er hilft mir natürlich, was das Dirigieren angeht, er zeigt mir, wie man eine Partitur versteht und langsam alles zusammenbaut. Er gibt mir Tipps, um den Klang, den man im Kopf hat, am Ende auch vom Orchester zu bekommen.“ Inzwischen dirigiert Braunstein regelmäßig die Hamburger Symphoniker und einmal war Barenboim sogar sein Klaviersolist. Mit der Oper will sich Braunstein hingegen noch Zeit lassen, die Sinfonik und vor allem die Familie gehen vor.

Braunstein lebt mit Frau und Kind nach wie vor in Berlin. „Ich bin hierhergekommen, um Musik mit den Philharmonikern zu machen. Aber warum bin ich geblieben? Ich könnte nach Tel Aviv gehen oder nach Santo Domingo, aber ich wollte in Berlin leben bleiben“, sagt er: „Die Deutschen können das vielleicht selber nicht sehen, aber ich bin in Israel aufgewachsen und habe sieben Jahre in den USA gelebt. Die deutsche Lebenskultur ist einfach gesünder als woanders. Es geht liberaler, menschlicher, toleranter zu.“

Kammermusiksaal 29.3. um 20 Uhr