Kultur

Geschichte aus ungewöhnlicher Perspektive

„Aufbrüche – Bilder aus Deutschland“ zeigt eine Ausstellung im Willy-Brandt-Haus

Die Ausstellung „Aufbrüche – Bilder aus Deutschland“ im Willy-Brandt-Haus zeigt Fotografien von 1943 bis 1990: Deutschland zwischen zertrümmerten Städten und Mauerresten. Und immer wieder Menschen, die Bruchstücke des Alten ins Neue tragen. Es sind dokumentarische, oft journalistische Fotografien, die im „Stern“ oder „Spiegel“ hätten erscheinen können und manchmal auch dort erschienen sind. Es ist diese Schnappschusshaftigkeit, die sie heute zu Zeitzeugen macht. Wie die Fotografie Wolf Straches von 1943. Auf dem Bild schiebt eine Frau mit Gasmaske auf dem Gesicht einen Kinderwagen zwischen den bröckelnden Fassaden des Kudamms. Sie flieht. Hinter ihr künden große Lettern auf der Fassade des Gloria-Kinos den Film „Reise in die Vergangenheit“ an – es könnte auch Motto der Ausstellung sein. Von dort geht es in den Schwarz-Weiß-Fotos der 33 ausgestellten Künstler immer weiter der Gegenwart entgegen. Bei vielen Arbeiten muss man die Beschriftung nicht lesen, man erkennt die dargestellten Szenen intuitiv. Russlandheimkehrer, Babyboomer, Studentenprotestler, Friedensbewegte, Montagsdemonstranten, Bilder wie ein Schnelldurchlauf durch die Großereignisse der vergangenen Jahrzehnte – bis zum Mauerfall. Auf den ikonenhaften Bildern der „FAZ“-Fotografin Barbara Klemm sind feiernde Menschen auf der überflüssig gewordenen Mauer zu sehen. Sie dürfen des Themas wegen wohl nicht fehlen.

Von Klemm stammt auch eine andere bemerkenswerte Aufnahme. Willy Brandt sitzt 1973 mit Leonid Breschnew im Kanzlerbungalow. Brandt in lässiger Großmannpose, wild gestikulierend, Außenminister und Dolmetscher eng drumherum, alle mit dampfenden Zigaretten in den Händen. Das Foto wirkt heute wie aus der Kaiserzeit, so fremd wirkt die Politik über die Blockkonfrontation des Kalten Krieges hinweg. Eher metaphorisch gemeint ist der Aufbruch, der der Ausstellung den Titel gibt, in den Porträts von Ludwig Erhard – natürlich mit Zigarre im Mundwinkel – und Konrad Adenauer. Da ist die Kamera so dicht dran, dass man jede Falte auf Adenauers Stirn zählen kann. Und das sind einige, zumindest auf diesem Porträt – dem letzten offiziellen, das ihn kurz vor seinem Tod zeigt.

Es stammt von Engelbert Reineke, der bis zu einem Ruhestand 2004 Fotograf der Bundesregierung war. Er war auch auf Dutzenden Dienstreisen dabei. Auf so einer entstand das Bild, das den berühmten Kniefall Willy Brandts in Warschau zeigt. Doch Reinekes Per-spektive ist eine andere, als man es von den meisten Fotos gewohnt ist. Weil er zu spät kam, ergatterte er keinen guten Platz mehr. Statt seitlich, wie die anderen Fotografen, musste er Brandt von vorn fotografieren. Auf dem Foto kann man daher Brandts Mimik genau erkennen. Seine zusammengekniffenen Lippen, seinen starren Blick. Die hier ausgestellten Bilder aus der Sammlung Fricke zeigen große Gesten wie diese oft aus anderer Perspektive. Sie erzählen die Geschichte damit nicht neu, dazu sind die Motive viel zu bekannt, aber sie erzählen sie ein bisschen anders.

So auch in den Ruhrpott-Fotos von Rudolf Holtappel. Sie zeigen die malochenden Kumpels aus der Zeche, viel Schweiß und Ruß, grinsende Kinder vor den qualmenden Schornsteinen Oberhausens, Schrebergartenidylle vor Industrielandschaft. Es ist der Pott der 60er-Jahre, wie ihn Herbert Grönemeyer nicht schöner besingen könnte – der Pott, wie er heute eben nur noch in Fotos oder Liedern existiert.

Die „Alles wird gut“-Geschichte, die dem Betrachter hier wenig subtil erzählt wird, ist am Ende aber doch aufgebrochen. In der sechsteiligen Fotoserie „Bilder aus dem Niemandsland“ posieren Menschen zwischen Mauerresten. Die Fotografin Bettina Flitner hat unter die Fotos ihre Aussagen über den Mauerfall geklebt, die – genau wie die Menschen – nicht unterschiedlicher sein könnten. Der in den Westen geflüchtete Goldkettchenträger – sein Bauch hängt über der Unterhose, und unzählige Brusthaare wuchern über den massigen Leib – freut sich über den Mauerfall. Er müsse nun keinen Eintritt mehr zahlen, teilt er mit, um seine Mutter zu besuchen.

Willy-Brandt-Haus, Wilhelmstr. 140, Kreuzberg. Bis 22. Mai, Di–So 12–18 Uhr