Pop-Kritik

Der Fuchs sitzt am Schlagzeug, und der Hase singt

Maskenspiele: Jan Josef Liefers und Radio Doria im Konzert

Zikaden zirpen, Vögel zwitschern, Nebel zieht auf und umhüllt den Laubbaum, der das Bühnenbild dominiert. Mächtig theatralisch beginnt das Heimspiel von Jan Josef Liefers und seiner Band Radio Doria am Sonnabend im nahezu ausverkauften Admiralspalast. Dunkle Gestalten schleichen durch bläuliches Licht. Sie tragen Tiermasken. Der Fuchs lauert hinter dem Schlagzeug. Der Hirsch macht sich an den Keyboards breit. Ein Wildschwein spielt Bass. Die beiden Gitarristen haben sich für etwas Vogelartiges entschieden. Und dieser schüchterne Hase, der sich in dieser märchenhaft surrealen Maskerade das Mikrofon ins Mümmelmaul steckt, muss wohl Jan Josef Liefers sein. Wie passend. Ist ja Ostern.

„Die Tiere des Waldes sind aufgewacht“, singt er, „verlassen die lichtlose Brombeernacht.“ Mit dem neuen Song von den „Tieren des Waldes“ eröffnen Radio Doria ihre Show, in deren Mittelpunkt das aktuelle Album „Die freie Stimme der Schlaflosigkeit“ steht. Den ganzen März über sind sie damit durch deutsche Konzerthallen gezogen. Hier, in Berlin, ist Tourfinale.

Eigentlich hieß die Platte ja mal „Radio Doria – Die freie Stimme der Schlaflosigkeit“ und die Band hieß über viele Jahre Oblivion. Doch mit zunehmender Popularität stellte sich heraus, dass es eine US-Thrash-Metal-Band gleichen Namens gibt. Und die hatte sich die Namensrechte sichern lassen. Deshalb heißt die Liefers-Band seit zwei Jahren eben Radio Doria. Und hat inzwischen ein überschaubares, solides Repertoire deutscher Rocksongs, die vom Leben und Lieben, vom Lachen und Leiden, von durchgemachten Nächten handeln und von dem Kind, das immer ganz tief in uns lauert.

Natürlich weiß der 51-Jährige, dass er nach wie vor Überzeugungsarbeit leisten muss. Man kennt ihn als Schauspieler. Man kennt ihn vor allem als arrogant-besserwisserischen Rechtsmediziner Boer­ne an der Seite von Axel Prahl im Münster-„Tatort“. Liefers, der Sänger, ist für viele immer noch Neuland. Doch er weiß sich zu inszenieren. Er gibt dem Publikum das Gefühl, dass da einer wie der Hase im Eröffnungssong die Maske fallen lässt und nur noch mit seinen Liedern gefallen will. Und er kriegt das auch hin.

Licht und Sound sind bestens, und der Abend wirkt durchdachter und kompakter als noch vor zwei Jahren im Postbahnhof. Dafür dauert es eine Weile, bis er in Fahrt kommt. Jan Josef Liefers kann sich auf seine großartigen Musiker verlassen. Schließlich spielen sie seit inzwischen gut zehn Jahren zusammen. Die Gitarristen Johann Weiß und Jens Nickel gehören dazu, Christian Adameit am Bass, Gunter Papperitz an den Keyboards und Timon Fenner am Schlagzeug. Adameit und Nickel dürfen zwischendurch im Alleingang bei einer Coverversion von „Next To You“ von Police brillieren.

Immer wieder erzählt Liefers zwischen den Songs kleine Geschichten und Anekdoten. Wird auch mal deutlich, wenn es um Flüchtlingsleid, Religionsfanatiker oder die deutsche Waffenindustrie geht. Und kokettiert mit seinem Schauspielertum. „Ich weiß ja nicht, ob das alle wissen“, meint er einmal. „Aber ich hab’ da noch ein zweites Standbein. Ich dreh’ auch Filme.“

Im Zugabenteil gibt es dann im Admiralspalast noch eine wunderschöne Coverversion. „Da sitzt eine Frau im Saal, die kann das viel besser als ich“, sagt er, als er sich zunächst in der Tonlage verhaut und neu ansetzt. Er meint seine Frau Anna Loos, ebenfalls Schauspielerin und Sängerin der Rockband Silly. Doch Liefers bekommt die Silly-Ballade „Wo bist du“ auch allein ganz gut hin. Sie würden jetzt erst einmal eine Weile von der Bildfläche verschwinden, meint er zum Abschied: „Wenn ihr uns bis dahin nicht vergessen habt: bis nächstes Jahr.“