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Theater

Eine Affäre zum Jubiläum: Das Theater im Palais wird 25

Immer schön berlinern: Seit 1991 mischt das Theater im Palais im Berliner Kulturleben mit. Und wünscht sich zum Jubiläum neues Blut.

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Auch ein Pariser Gesellschaftsstück wird ganz auf Berlin gebrochen: „Affäre Spittelmarkt“ mit Jens-Uwe Bogadtke, Carl Martin Spengler und Gabriele Streichhahn (v.l.)

Foto: Björn Nitzsche/Theater im Palais / BM

Monsieur ist malade. Muss eine harte Nacht gewesen sein. Erinnern kann er sich nicht, totaler Filmriss. Deshalb hat er auch keinen Schimmer, wer der Kerl ist, der in seinem Bett schnarcht. Wer er selbst ist, weiß er zumindest ansatzweise: "ein angesehenes Subjekt der Gesellschaft".

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Auf genau diese Gesellschaft hatte es der französische Vielschreiber Eugène Labiche abgesehen als, er 1857 in seinem Schwank "Die Affäre Rue de Lourcine" das Pariser Bürgertum vorführte. Unser verkaterter Bourgeois trägt allerdings den nicht sehr französischen Namen Theophil Hoffmeister, seine dicke Birne kommentiert er mit "Ick hab' 'nen Brand wie 'n Dachstuhl".

Erst besetzt, dann offiziell bezogen

Im Publikum wundert sich keiner darüber. Wer ins Theater im Palais kommt, das sich selbst den Namenszusatz "Das berlinische Theater" verpasst hat, bekommt, was er erwartet: unterhaltsames Traditionstheater mit Hauptstadtbezug in sympathisch kuscheligem Ambiente mit vertrauten Darstellern. Seit genau 25 Jahren.

Auch die Geburtstagsinszenierung steht in dieser Tradition, Labiches Komödie wurde aus der Rue de Lourcine nach Berlin verlegt und trägt unter der Regie von Philippe Besson den Titel "Affäre Spittelmarkt". Die Party, die zum Absturz führte, wurde gefeiert bei Lutter & Wegner am Gendarmenmarkt, "piekfeiner Laden", wie Theophil bemerkt. Berlinern tun sie auf der Bühne auch. Bis auf Voigt. Der ist Sachse.

Hübsch intim, auf der Bühne und im Saal

Die Besonderheit des Salontheaters am Festungsgraben ist seine intime Atmosphäre, auf nur fünf mal sechs Metern Spielfläche rückt das Ensemble nah ans Publikum, der kleine Saal hat exakt 99 Sitzplätze, besetzt werden sie von einem eher reifen, bildungsbürgerlichem Publikum. Aber was heißt schon bürgerlich?

Das Theater im Palais hat ja eine überraschend anarchische Geschichte. Das offizielle Gründungsjahr war zwar 1991, aber schon in den Wendejahren 1989/90 brach eine kleine Truppe vom damaligen Theater im Palast der Republik zu neuen künstlerischen Ufern auf. Und besetzte erst mal ein Haus.

Das Donnersche Palais am Festungsgraben, ehemals Sitz der preußischen Finanzbehörde, bis zur Wende das zentrale Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, stand leer. Es standen noch reichlich Stühle drin. Barbara Abend, eine der "Besetzter" und später künstlerische Leiterin, erinnert sich: "Wir starteten mit einer mutigen Blauäugigkeit". Und mit einem Programm, das sie für bombensicher hielten: "Märchen gehen immer."

Sie inszenierten drauf los und es kam: niemand. Erst nach und nach entwickelte sich das Programm, das heute Markenzeichen des Hauses ist: literarische Abende und Inszenierungen in einer Mischung aus erzählenden, spielenden und musikalischen Elementen. Zunächst spielte man im oberen Stock, zog später ganz offiziell ins Erdgeschoss, in den alten Kinosaal. Erster Intendant war Mitbegründer Siegfried Wein, 1999 übernahm Gabriele Streichhahn, die ebenfalls von Anfang an mit dabei war, die Intendanz.

Hier is doch wat im Busche

Den größten Teil des Geburtstagsabends in ihrem Haus lässt sie sich vom sächsischen Trinkkumpan ihres Gatten Avancen machen. Hier steht die Chefin selbst auf der Bühne. Ihre Luise Hoffmeister, genannt "Möpschen", staunt Bauklötze über das, was vor sich geht: "Hier is doch wat im Busche."

Kann man so sagen. Hausherr Hoffmeister (Jens-Uwe Bogadtke) und sein Kumpel Leonhardt Voigt (Carl Martin Spengler) haben Grund zu glauben, dass sie in den Stunden, an die sie sich nicht erinnern können, am Spittelmarkt ein Mädchen umgebracht haben. Die Beweislage ist erdrückend; ein Schirm und ein Taschentuch mit Initialen am Tatort, heißt es in der Zeitung.

Dass die steinalt ist, wissen sie nicht und starten Vertuschungsmanöver. Butler Justus muss dran glauben, der mitwissende Schwager und "Muschi", die Hauskatze. Alle vermeintlich mausetot. Ute Falkenau steuert dazu am Klavier dramatische Meuchelmördermusik bei. Ein Happy-End gibt's an diesem absolut kurzweiligen Abend trotzdem, das Publikum ist froh und "Muschi" ebenso, sie maunzt wieder.

Wer dieses Haus nach der Vorstellung verlässt, der soll, so sagt Intendantin Gabriele Streichhahn später im Gespräch, im besten Fall bei der Suche nach dem Autoschlüssel frohgemut lachen. "Schauspielen", findet sie, "ist ein dienender Beruf". Und ein aufreibender, zumal wenn man nebenbei noch ein Theater leitet.

Zähheit, Engagement und Kampfgeist

Das ist nicht wenig, dass sich so ein kleines Haus trotz dauerangespannter Finanzlage 25 Jahre lang hält, eine Konstante im wechselhaften Berliner Kulturbetrieb. Zwei Förderkreise gibt es und 250.000 Euro Konzeptförderung vom Land Berlin. Die Auslastung liegt zwischen 60 und 70 Prozent, rund 13.000 Besucher kommen pro Jahr.

Von Zähheit, Engagement und Kampfgeist spricht Gabriele Streichhahn und lässt keinen Zweifel, dass sich all das lohnt: "Die Leidensfähigkeit ist groß, wenn man für etwas brennt." Perspektivisch wünscht sie sich nach 25 Jahren übrigens einen Stabwechsel: "Es würde mich von Herzen freuen, wenn sich jemand findet, der unsere Linie weiterverfolgt und in die Zukunft übersetzt."

Theater im Palais, Am Festungsgraben 1, Mitte. Tel.: 2010693. Infos zum Jubiläumsprogramm: www.theater-im-palais.de