Kultur

Juden-Massaker: War die Großtante eine Mörderin?

Es ist kurz vor Kriegsende in der österreichischen Provinz. Die Russen stehen vor der Tür. Doch auf Schloss Rechnitz geht es hoch her. Zusammen mit diversen Nazi-Freunden feiert die Gräfin Margit Batthyany ein rauschendes Fest. Auf dem Höhepunkt der Veranstaltung ereilt die Festgäste ein Anruf. Am Bahnhof stünden 180 an Fleckfieber erkrankte jüdische Zwangsarbeiter. Sie müssten sofort erschossen werden. Die Gäste zieren sich nicht lang. In aller Eile werden Waffen verteilt, eine Gruppe von Männern zieht hinaus und erschießt die Juden. Anschließend kehren die Mörder zurück auf das Fest. Es wird weiter gelacht, getanzt, getrunken.

Mehr als 70 Jahre später legt eine Kollegin dem Schweizer Redakteur Sacha Batthyany einen Artikel auf den Schreibtisch. Überschrift „Die Gastgeberin der Hölle“. Es ist die Geschichte des Massakers von Rechnitz, in dessen Mittelpunkt Margit Batthyany steht, eine geborene Thyssen. Sie ist dem Journalisten nur allzu gut bekannt, denn sie ist seine Großtante. „Was hast du denn für eine Familie“, fragt die Kollegin irritiert. Ja, was hat er für eine Familie?

In seinem Buch „Und was hat das mit mir zu tun?“ schildert Batthyany nicht nur ein monströses Verbrechen, er seziert auch seine eigene Familie, eine ungarische Adelsdynastie, die nach dem Krieg verarmte und ins Exil ging, in der es Täter wie auch Opfer gab. Es ist keineswegs die erste Auseinandersetzung mit dem Massaker von Rechnitz. Bereits 2006 erhob der Brite David Litchfield in „The Thyssen Art Macabre“ schwere Vorwürfe gegen die Gräfin. Elfriede Jelinek stellte das Verbrechen 2010 in den Mittelpunkt ihres Theaterstücks „Rechnitz oder Der Würgeengel“.

Gräfin Margit Batthyany (1911–1989) war eine Tochter des Stahlmagnaten Heinrich Thyssen und eine Schwester des Kunstsammlers Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza. Sacha Batthany hat diese Tante als strenge Erscheinung in Erinnerung, eine Frau, die sich mit Seidenfoulards und Krokodilledertaschen schmückte und deren spitze Eidechsen-Zunge ihn als kleinen Jungen faszinierte. War diese Frau eine Mörderin? Zumindest war sie Mitwisserin. Hans-Joachim Oldenburg, einer der Haupttäter, war ihr Geliebter. Nach dem Krieg soll sie dafür gesorgt haben, dass der Gutsverwalter geräuschlos nach Argentinien verschwand. 1946 mussten sich sieben Männer wegen des Massakers vor Gericht verantworten. Zwei der Zeugen wurden während des Prozesses durch Fememorde aus dem Weg geräumt. Die Gräfin wurde nie angeklagt. „Wir waren eine Familie von Maulwürfen“, sagt seine Großmutter.