Klassik-Kritik

Ritter, Hexen und Götter bevölkern die Bühne

Ensemble Le Concert d’Astrée gastiert im Kammermusiksaal

Zauberer, rivalisierende Liebhaber, rachsüchtige Götter: Im Kammermusiksaal der Philharmonie gastiert das Ensemble Le Concert d'Astrée und spielt Opernmusik aus der französischen Barockzeit. Das Programm wird zu einer Zeitreise durch die Entwicklung der Kunstform, von der Herrschaft Jean-Baptiste Lullys im 17. Jahrhundert bis in die Konventionsbrüche seiner Nachfolger. So raffiniert und sinnlich wird die Musik auf historischen Instrumenten unter der Leitung der Ensemblegründerin Emmanuelle Haïm zum Leben erweckt, dass man auch ohne Bühnenbilder in mythische Welten eintaucht.

Die Suite aus "Les Eléments", der einzigen Oper des Lully-Schülers Jean-Féry Rebel, ist mit schaudernden Streichern und seufzender Lyrik die perfekte Einleitung. In den folgenden Szenen aus Lullys "Thésée" überredet die Hexe Medea beinahe den König Egée, seinen eigenen Sohn zu töten. Edel tritt die Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter in einem grünen Samtkleid auf, wird zu einer emotional gerissenen Göttin, als sie einen vergifteten Kelch vorbereitet. Im rachgierigen Duett "Que la vengeance" ist der Textausdruck des Bassbaritons Laurent Naouri beispiellos verfeinert, aber unprätentiös.

Die Musiker atmen so geschickt zusammen, dass Haïm während Naouris rezitativem Gesang zu Cembalo und tiefen Streichern nur mit dem Kopf leichte Ansätze geben muss. Das Ensemble folgt dem Drama mit großer Einbildungskraft, ohne von den höchsten technischen Maßstäben abzuweichen. Als Zyklop Polyphem in Lullys "Acis et Galatée" täuscht Naouri vor, das Ensemble hinter Haïms Rücken zu dirigieren – und gerät in einen ungewöhnlichen Austausch mit dem Schlagzeuger (Sylvain Fabre), der an diesem Abend alles von Windmaschine bis hin zu Tamburin und Kastagnetten mit beeindruckender Präzision und dynamischem Feingefühl beiträgt.

Nach einer straffen, majestätischen Einführung in den dritten Akt von Lullys "Armide" tritt von Otter nun als triste, in einen Ritter verliebte Hexe ein, trägt das passende schwarze Samtkleid. Ihr Mezzo durchläuft die ganze Bandbreite von Wut bis Zärtlichkeit, verfügt aber nicht über die Innigkeit, mit welcher die bekannte Nummer "Enfin, il est en ma puissance" herzzerreissend werden kann. Nach der Pause wird Medea in der gleichnamigen Oper von Marc-Antoine Charpentier ebenfalls zur facettenreichen Figur. Die Sängerin umkreist die Bühne und lacht König Créon ins Gesicht.

Als Zauberer Isménor in Rameaus fünfter Oper "Dardanus", die seinerzeit den Streit mit den sogenannten "Lullistes" zuspitzte, herrscht der Bassbariton Naouri über impulsive Rhythmen und emotional geladenes Ostinato. In "Scylla et Glaucus" von Jean-Marie Leclair wird von Otter dagegen zur Figur, welche das Universum treibt, ahmt die Windmaschine nach, als die Meeresnymphe Kirke ihre Hexerei ausübt. Das Publikum ist verzaubert und gibt allen Musikern stürmischen Beifall.

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