Country-Star in Berlin

Chris Stapleton schweigt und rockt im Columbia Theater

Chris Stapleton ist kein Mann vieler Worte. Der Cowboy mit Rauschebart setzt ganz auf seine Musik. Und die überzeugt auch live.

Rauschebart und Fender: Chris Stapleton bei seinem Konzert am 13. März in London

Rauschebart und Fender: Chris Stapleton bei seinem Konzert am 13. März in London

Foto: dpa Picture-Alliance / / picture alliance / Photoshot

Er war lange der Mann im Hintergrund. Er landete in den vergangenen 15 Jahren sechs Nummer-1-Hits in den USA. Stars wie Adele, Sheryl Crow, George Strait oder Joss Stone haben Songs von ihm im Repertoire. An die 150 Lieder hat er geschrieben, die von anderen gesungen wurden. Denn Chris Stapleton arbeitete höchst erfolgreich als Lohnschreiber in der Songschmiede Nashville, bevor er im vergangenen Jahr mit „Traveller“ sein erstes eigenes Album einspielte.

Er ist herausgetreten aus dem Schatten. Mit zwei Grammys wurde er für sein Debüt-Album ausgezeichnet. Er hat so ziemlich alle wichtigen Country Music Preise abgeräumt. Und bei der Preisverleihung der 2015 Country Musik Association Awards sang Justin Timberlake mit ihm gemeinsam auf der Bühne. Der Auftritt wurde zum Youtube-Hit. Chris Stapleton ist der neue Star der amerikanischen Countryszene. Ein Senkrechtstarter, der allerdings einen ganz schon langen Anlauf genommen hat.

Am Mittwochabend steht er bei seinem sein Wochen ausverkauften ersten Berlin-Konzert im Columbia Theaters im Rampenlicht. Ein mächtiger Kerl mit langen Haaren, Rauschebart und knautschigem Stetson. Ein bulliger Cowboy in zerschlissenen Jeans und wüstenstaubbraunen Boots, der sich die zerschrammte Fender-Gitarre umhängt und mit „Nobody To Blame“ zum Auftakt einen so kompakten wie überzeugenden Auftritt hinlegt. Da ist es allerdings schon kurz vor 22 Uhr. Doch der Unmut des Publikums ob des langen Wartens ist mit den ersten Tönen wie weggeweht.

„Nobody To Blame“ ist ein rau-rockiger Countrysong, in dem ein Typ aufzählt, was die Ex alles mit seiner Habe angestellt hat. Den Hot Rod im See versenkt. Den Whiskey in die Gosse geschüttet. Die Gitarre verbrannt. Und im Refrain gesteht er doch ein, dass es alles ganz allein seine Schuld sei. Wenn gestandene Männer mit Frauen nicht klar kommen, ist immer ein wenig Weinerlichkeit und Selbstmitleid im Spiel. Stapleton macht daraus wunderbare Songtexte von der Verletzlichkeit des Machos. Immer wieder geht es um erloschene Liebe, und Einsamkeit auf den Highways und Whiskey als letzte Rettung.

Da kann sich eine Liebeserklärung auch mal so anhören wie in „Tennessee Whiskey“, einem George-Jones-Song, den Stapleton im Programm hat: „You‘re as smooth as Tennessee whiskey“, heißt es da. „ You’re as sweet as strawberry wine, You’re as warm as a glass of brandy, and honey, I stay stoned on your love all the time”. Bassist David Cobb und Schlagzeuger Derek Mixon geben den Stücken die nötige Grundierung und auch Stapletons Ehefrau Morgane, ebenfalls Countrysängerin, ist mit nach Berlin gekommen.

Morganes engelsgleicher Alt und Stapletons erdige, von Blues und Soul geprägte Stimme harmonieren prächtig miteinander. Sie himmeln sich auf der Bühne geradezu an. Was allerdings auch dazu führt, dass sie sich meist gegenseitig ansingen und dabei das Publikum fast vergessen. Zu einem Höhepunkt wird der Country-Klassiker „You Are My Sunshine“ in einer hingebungsvoll treibenden Version, die lang anhaltenden Jubel provoziert.

Es sind meist Stücke des neuen Albums, die der aus Kentucky stammende Musiker spielt. Er hat ja bisher nur das eine. Doch die Lieder sind allesamt erstklassig, ob nun das düstere „Might As Well Get Stoned“ oder die Akustik-Ballade „More of You“ oder der Album-Titelsong „Traveller“. Stapleton ist ein Countrysänger, der ohne Schmelz und Pathos daherkommt. Mehr Otis Redding als Johnny Cash. Ein Soulman aus dem Heartland der USA.

Er gibt sich etwas wortkarg. Vielleicht muss er sich auch erst noch an das ungewohnte deutsche Publikum gewöhnen. Und so wirft er sich ganz in seine Lieder, die musikalisch gern auch mal Richtung Blues- oder Southern Rock abdriften. Gern hätte man mehr davon gehört, aber nach nicht einmal einer Stunde ist schon wieder Schluss. Dafür gibt es im Zugabenblock noch den Hit des Albums, die wunderschöne Ballade „Whiskey And Me“. „I drink because I’m lonesome and I’m lonesome ‘cause I drink“, singt er. Das passende T-Shirt dazu gibt es draußen am Merchandise-Stand.