Kultur

Der ehrbare Kaufmann

Christoph Links erhält auf der Leipziger Buchmesse den Kurt Wolff Preis. Der Verleger ist Buchliebhaber und Geschäftsmann zu gleichen Teilen

Seit 2001 wird der Kurt Wolff Preis vergeben, alljährlich zur Leipziger Buchmesse. Im deutschen Literaturwesen gibt es ein fein austariertes, latent expansives Fördersystem. Kein Bundesland, kein Städtchen, kein Landstrich, der nicht Autoren mit Geld und guten Worten ehrt. Dank der Literatur erfahren auch die trostlosesten Orte der Republik einen Moment der Aufmerksamkeit.

Eine Förderung der Verlage gab es lange nicht, die staatliche Bevorzugung eines einzelnen Unternehmens wirkte selbst im subventionsfreudigen Kulturwesen dirigistisch. 2001 gab ein Konglomerat aus Bund, Sachsen, Leipzig und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Zurückhaltung auf und überweist seitdem jedes Jahr 26.000 Euro an einen unabhängigen Verlag.

Die Betriebe aus Berlin haben davon in der Vergangenheit ganz gut profitiert. Merve, Friedenauer Presse, Verbrecher Verlag, Transit, Wagenbach und Matthes & Seitz wurden ausgezeichnet, nun ist am kommenden Freitag mit dem Christoph Links Verlag der erste ostdeutsche Verlag an der Reihe.

„Die Revolution vor der Haustür kam mir gerade recht“

26.000 Euro, das ist natürlich auch klar, sind für eine Firma nicht die Welt, vor allem, wenn sie wie die von Christoph Links jährlich einen Umsatz von 1,5 Millionen Euro macht. Die Summe will er teilen, „die Hälfte nach hinten, die Hälfte nach vorne“, wie er sagt. Ein Teil soll als eine Art Dankesprämie an Angestellte und freie Mitarbeiter gehen, „die für wenig Geld viel gearbeitet haben“. Am Ende wird es wohl auf 500 Euro pro Mitarbeiter hinauslaufen, die übrigen 13.000 Euro werden in ein neues Buchprojekt fließen. Den Preis empfindet er als Anerkennung seiner Arbeit: „Das macht mich froh“, sagt er, die Jahre der Überstunden sind nicht unbemerkt geblieben.

Christoph Links, Jahrgang 1954, ist in Prenzlauer Berg aufgewachsen, hat als Journalist bei der „Berliner Zeitung“ gearbeitet, dann wollte die Staatssicherheit, dass er ihr Informationen über Kollegen gibt. Das wollte er nicht, erzählt er, und 1986 war seine journalistische Karriere vorbei. Er arbeitete fortan im Aufbau Verlag, und da er sich auch um die Exporte in das kapitalistische Ausland kümmerte, kannte er, als die Mauer fiel, die Gebräuche im Westen besser als die allermeisten DDR-Bürger.

Während andere in dieser Zeit noch am Feiern oder Grübeln waren, hatte Christoph Links einen genauen Plan. Im Dezember 1989 gründete er den Verlag, im Januar 1990 erfolgte die Eintragung als GmbH, im Februar 1990 begann er ein Praktikum bei Bertelsmann, um zu lernen, wie der Buchmarkt im Westen funktioniert. „Die Revolution vor der Haustür kam mir gerade recht.“

Dass er so schnell reagieren konnte, lag auch an einer Zurückweisung. Im Juni 1989 wurde er in das Kulturministerium bestellt, zuvor hatte er beantragt, einen Sachbuchverlag zu gründen. Sein Ansinnen sei löblich, beschied man ihm, aber leider nicht praktikabel. In der DDR gebe es bereits 78 Verlage, und mit 78 Verlagen sei inhaltlich nun wirklich alles abgedeckt. Zudem sei das Papier- und Druckkontigent knapp.

Mit der Wende kam es dann zu einem Boom an Neugründungen, 200 seien es gewesen, sagt Christoph Links, die ostdeutschen Verleger wollten sich mit den noch bis vor Kurzem tabuisierten Themen beschäftigen. Nach zwei, drei Jahren war für die meisten dann gesagt, was gesagt werden musste, und sie stellten den Betrieb ein.

Christoph Links interessiert Zeitgeschichte bis heute, in seinem Verlag publizieren ungefähr so viele Wissenschaftler wie Journalisten. Im Frühjahrsprogramm wird ein Buch über den arabischen Frühling angekündigt, es folgt eins über Flüchtlinge, dann über die Schwemme bei Doktortiteln, als Nächstes ein Porträt der Arktis. Man muss schon ordentlich blättern, bis auf Seite 21, bis ein Buch über die DDR, in diesem Fall über die Folkszene, zu finden ist.

Wir haben es also mit einem Verlag zu tun, der in der Wahrnehmung ein Verlag über die DDR-Geschichte ist, aber in Wirklichkeit sein Spektrum deutlich erweitert hat. „Den meisten Umsatz machen wir mit anderen Sachen, Lebenshilfe und historischen Reiseführern zum Beispiel. Wären wir bei der DDR-Geschichte stehen geblieben, gäbe es uns auch gar nicht mehr.“ Beliebig ist das Programm nicht, Christoph Links verlegt nur Sachbücher: „Deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte ist unser Markenkern.“ Bei 90.000 Neuerscheinungen im Jahr sehe er auch überhaupt keine andere Möglichkeit, um wahrgenommen zu werden.

Christoph Links’ Geschäftsmaximen klingen ein wenig wie direkt aus dem Lehrbuch für den ehrbaren Kaufmann entnommen: organisch wachsen, Risiken meiden, sich in keine Liebhaberprojekte verrennen. Da sein Verlag keine Belle-tristik herausgibt, hat er auch kaum eine realistische Chance, jemals so einen Jackpot einzustreichen wie Matthes & Seitz, fußläufig vom Sitz des Christoph Links Verlages in der Kulturbrauerei zu erreichen, die sich im vergangenen Herbst über den Buchpreis für Frank Witzel freuen konnten. Aber Sachbücher, zumal wenn es um sich um historische Sachbücher handelt, haben eine bessere Chance, dass sich der Markt für sie länger als eine Saison interessiert. Seine Bücher seien nie in den Bestsellerlisten, sagt er, zwei Drittel des Umsatzes mache er mit der Backlist. Es seien die langlebigen Bücher, die Bücher, die über 20 Jahre hinweg bestellt werden, die das Auskommen des Verlages sichern.

In den ersten Jahren des Verlages habe er Übernahmeangebote bekommen, erzählt Christoph Links, in den vergangenen Jahren nun sind ihm wiederum Verlage zur Übernahme angeboten worden. Beide Varianten lehnt er ab. „Ich habe ja den Verlag gegründet, um Verleger zu sein und nicht irgendwo Angestellter in einem Konzern“, sagt er. Und „fremdwachsen“ wolle er auch nicht: „Wir haben überlebt, weil wir immer aus eigener Kraft gewachsen sind, nicht mit fremdem Geld und nicht mit fremden Verlagen. Es muss eine gestaltbare, steuerbare Größe sein.“ Vor ein paar Jahrhunderten hätte er seine Ansichten noch in der „Pratica della Mercatura“ wiederfinden können, hätte Christoph Links seinen Verlag ein paar Jahre später gegründet, wäre er, lässt man die „Börsenfantasien“ außen vor, ein klassischer Start-up. Nur spielt man bei Christoph Links kein Kicker, sondern der Reihe nach kocht einer der Mitarbeiter oder der Chef persönlich, und dann essen sie jeden Mittag zusammen.

Vor Kurzem traf er sich mit seinen Geldgebern. 50 stille Teilhaber hat seine Firma, die Einlage beträgt 2500 Euro. Als er kurz nach dem Mauerfall im Pfefferberg die Idee dieser Darlehensform vorstellte, war sie vielen doch sehr fremd. Wer 1990 trotzdem Teilhaber wurde, besitzt heute unter Garantie eine beängstigend anwachsende Bibliothek. 50 bis 60 Bücher gibt der Verlag pro Jahr heraus. Seine Teilhaber werden mit allen Neuerscheinungen entlohnt. Dieser Bücherzins macht manch einem zu schaffen, sie steigen als Teilhaber aus. Ihre Wohnung wird ihnen zu klein.